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Durch die immer weiter zunehmende Globalisierung der Wirtschaft verändert sich auch die personelle Besetzung in Unternehmen. Vor allem im international tätigen Bereich arbeiten Menschen unterschiedlichster Kulturen bereits auf vielfältige Weise zusammen. Diese Art von Teamwork birgt große Chancen für ein Unternehmen – stellt die Mitarbeiter aber zugleich vor ungewohnte Herausforderungen.

Menschen aus unterschiedlichen Kulturen auch häufig voneinander abweichende Verhaltensweisen und Erwartungen –  ein großes Konfliktpotenzial, wenn es um die unterschiedliche Herangehensweise an ein gemeinsames Projekt geht. Um diesen Konflikten vorzubeugen sind emotionale Kompetenz und interkulturelle Sensibilität heutzutage wohl wichtiger denn je.

Wir sprachen mit Markus Eidam, Geschäftsführer von Eidam & Partner, einem weltweit tätigen Weiterbildungsanbieter in den Bereichen Interkulturelles Training, Interkulturelles Coaching, eLearning und Interkulturelle Beratung über die Bedeutung von interkultureller Kompetenzen.

Profil_Eidam

Markus Eidam, Experte für interkulturelle Kompetenzen

HS_Bildung: Herr Eidam, was verstehen Sie als Experte unter interkultureller Kompetenz und ist das Verständnis von interkultureller Kompetenz global einheitlich?

Eidam: Ganz ohne Fremdwörter und wissenschaftliche Begriffe: Sie sind dann interkulturell kompetent, wenn Sie während der Kommunikation mit Menschen aus anderen Ländern Ihre Zielen erreichen und Ihr Gegenüber gleichzeitig nicht negativ beeinflussen.

Etwas wissenschaftlicher: Interkulturell kompetent sind Sie …

  •  … wenn Sie wissen, welche Werte und Verhaltensweisen in fremden Kulturen existieren.
  •  … wenn Sie Ihr Verhalten an ausländische Personen anpassen können und auch Willens sind, dies zu tun.
  •  … wenn Sie ein Gespür dafür haben, welches Verhalten oder welche Kommunikationsform sich Ihr Gegenüber wünscht. Denn nicht jeder fremde Mensch verhält sich so, wie es das Lehrbuch oder ein interkulturelles Training vorhersagt. Folglich brauchen Sie die richtigen „Antennen“, um Ihr Gegenüber korrekt einzuschätzen.

Ich denke und hoffe, dass diese Sichtweise auf interkulturelle Kompetenz global einheitlich ist. Selbstverständlich kann man das Thema aus vielerlei Perspektiven betrachten und beschreiben, die Grundaussage dürfte aber ähnlich sein.

HS_Bildung: Warum gewinnen die Fähigkeiten zum konstruktiven Umgang mit kultureller Vielfalt in Zeiten der Globalisierung an Bedeutung?

Eidam: Seit Beginn des neuen Jahrtausends sind die internationalen Geschäftsbeziehungen deutscher Unternehmen rasant gewachsen. So wird nicht nur eine Vielzahl von deutschen Produkten im Ausland verkauft, auch die Belegschaft vieler Unternehmen wird durch Zukäufe von ausländischen Firmen und die zunehmende Einwanderung von ausländischen Fachkräften immer internationaler.

Um als Arbeitgeber, Dienstleister oder Lieferant attraktiv zu sein und mit dem globalen Wettbewerb Schritt zu halten, müssen und sollten sich Unternehmen und deren Mitarbeiter an fremde Verhaltensweisen anpassen. Nicht nur, weil Sie Ihre ausländischen Geschäftspartner mit dem richtigen Kulturgespür besser von sich überzeugen können, sondern auch, weil die internationale Zusammenarbeit viel Synergiepotenzial für ein Unternehmen bereithält. Schließlich kann das – teilweise ungewohnte – Vorgehen ausländischer Personen auch eine große Bereicherung für die eigene Arbeit sein, denn wer weiß schon, ob der typisch deutsche Weg immer der beste ist?

Meeting

Immer häufiger arbeiten multinationale Teams im Unternehmen zusammen.

HS_Bildung: Glauben Sie, dass interkulturelle Kompetenz zu einer der (beruflichen) Schlüsselqualifikationen des 21. Jahrhunderts gehört?

Eidam: Ich hoffe es zumindest. Ob interkulturelle Kompetenz tatsächlich zu den wichtigsten Schlüsselqualifikationen gehören wird, entscheidet sich letztendlich auch durch die Entwicklung der kulturellen Unterschiede. Sie müssen wissen, dass es Experten gibt, die eine Annäherung der kulturellen Werte und somit ein Verschwinden der interkulturellen Unterschiede prophezeien. Diese Tendenz könnte beispielsweise durch den Siegeszug der globalen Marktwirtschaft oder die unbegrenzte Verfügbarkeit von Informationen durch das Internet verstärkt werden. Ich persönlich glaube nicht daran, dass kulturelle Unterschiede vollständig verschwinden werden, da es auch immer wieder Gegentendenzen gibt. Ein Indiz dafür ist beispielsweise das Erstarken der konservativen nationalen Parteien in ganz Europa, die eher auf ein Abgrenzen des eigenen Landes von ausländischen Einflüssen setzen.

HS_Bildung: Sie selbst waren in vielen Ländern beruflich tätig und haben ganz unterschiedliche Kulturen kennengelernt. Wie ist Ihre Erfahrung? Ist interkulturelles Verhalten als spezielles Wissen erlernbar?

Eidam: Würde ich jetzt mit „Nein“ antworten, würde dies wohl kein gutes Bild auf unsere Profession werfen, oder? Nein; im Ernst. Ich bin überzeugt, dass interkulturelle Kompetenz erlernbar ist. Nur ist es mit einem interkulturellen Training, einem Coaching oder der Lektüre eines Fachbuchs meist nicht getan. Ich entdecke bei mir selbst zum Beispiel noch immer sehr viele Verhaltensweisen, die sich während meiner Kindheit so fest mit meiner Persönlichkeit verbunden haben, dass es schwierig ist, diese Automatismen abzuschalten. Vor allem in Stresssituationen ist man schnell wieder bei seinem „Notfallgepäck“; bei den Dingen, die man gewohnt ist. Von daher ist die Entwicklung von interkultureller Kompetenz immer ein Prozess, der über verschiedene Weiterbildungen aber vor allem auch durch Reflektieren und eigene Erfahrungen ausgebildet werden muss.

HS_Bildung:  Erfordert es eine bestimmte Persönlichkeit, die den Umgang mit anderen Kulturen erleichtert? Wie wichtig ist Toleranz gegenüber kulturell fremden Einstellungen und Traditionen?

Eidam: Es gibt bestimmte Fähigkeiten und Eigenschaften, die interkulturelle Kommunikation erleichtern. Da wären zum Beispiel Toleranz, Empathie, Aufgeschlossenheit gegenüber Neuem, Extraversion oder Anpassungsfähigkeit zu nennen. Auch das Beherrschen von Fremdsprachen ist ein wichtiger Punkt. Manche Menschen bringen diesbezüglich durch ihre Erziehung und ihre Persönlichkeit bereits ein besseres „Startpaket“ mit, als andere. Was aber keinesfalls heißen soll, dass alle anderen hoffnungslose Fälle sind; ganz im Gegenteil.

HS_Bildung: Also kann jeder interkulturelle Kompetenz gleichermaßen erreichen?

Eidam: Zumindest kann jeder mit dem, was er von sich aus mitbringt mit entsprechenden Trainings und Coachings noch mehr erreichen. Vielleicht können bei solchen Leuten keine hundert Prozent erreicht werden. Aber niemand ist völlig frei von solchen Fähigkeiten und Eigenschaften, so dass immer eine Steigerung auch in diesem Bereich erzielt werden kann.

HS_Bildung: Wie lässt sich interkulturelle Kompetenzen genau von anderen Kompetenzen wie Fach- oder Methodenkompetenzen abgrenzen? Wie wirken sie im beruflichen Alltag zusammen?

Eidam: Eine Abgrenzung ist schwierig, da uns Kultur – bei allen Dingen, die wir tun – tagtäglich beeinflusst. Ähnlich wie ein Fisch im Wasser schwimmt, umgeben mich meine Werte, mein Glauben und meine Einstellungen. Dementsprechend hat Kultur auch Einfluss auf die Methoden- und Fachkompetenz eines Menschen. Ein Beispiel: Zwar werden Sie eine Schraube in Deutschland wahrscheinlich auf die gleiche Art und Weise einschrauben, wie dies Ihr Kollege in Südafrika tut. Aber er wird das Drumherum, also seine Kommunikation während der Arbeit, trotzdem „typisch südafrikanisch“ gestalten und sich auf diese Weise von einem Deutschen abheben. So gesehen kann man Kultur also nur schwer von anderen Kompetenzen abgrenzen.

Personalberatung

Durch Trainings und Coachings können Mitarbeiter interkulturell sensibilisiert werden.

HS_Bildung: Welche Konsequenzen kann das Fehlen interkultureller Kompetenz im Beruf nach sich ziehen?

Eidam: Im besten Fall merken Sie vom Fehlen interkultureller Kompetenz rein gar nichts. Beispielsweise dann, wenn Sie mit einem Menschen zusammenarbeiten, der sich besonders stark auf Sie einstellt oder dessen kulturelle Werte stark mit den Ihrigen harmonieren.

Im schlimmsten Fall erreichen Sie Ihre beruflichen Ziele nicht oder nur stark verzögert, weil Sie Ihre ausländischen Kollegen, Kunden oder Geschäftspartner beleidigt, ungenügend motiviert, nicht überzeugt oder falsch geführt haben. Oder Sie geraten an den Rande eines Burnouts, weil „die Anderen“ so schrecklich unkoordiniert und unzuverlässig arbeiten, dass Ihre eigene Motivation und Arbeitsfähigkeit leidet.

HS_Bildung: Erleben Sie solche Fälle bei Ihnen im Coaching?

Eidam: Natürlich ist so etwas die Ausnahme und zum Glück immer noch ein Einzelfall. Zudem ist dies auch eher ein Auslöser aus mehreren Faktoren, die erst nach und nach im Gespräch über die Arbeitssituation, zum Beispiel mit einem Psychologen, tatsächlich erkannt werden. Was ich aber in der Tat immer wieder beobachte, ist, dass viele sich erst dann zu einem professionellen Training entscheiden, wenn es bereits zu negativen Erfahrungen und Situationen gekommen ist, also ein Misserfolg stattgefunden hat.

HS_Bildung: Wodurch entstehen Ihrer Meinung nach am häufigsten interkulturelle Missverständnisse?

Eidam: Interkulturelle Missverständnisse erkläre ich in meinen Seminaren meist so, dass der eine sich geohrfeigt fühlt, während der andere gar nicht merkt, dass er eine Ohrfeige ausgeteilt hat. Genau dieser Punkt, das fehlende Bewusstsein für kulturelle Andersartigkeit, macht die Kommunikation mit fremden Kulturen nämlich so schwierig: Man geht davon aus, dass die in Deutschland erfolgreichen Verhaltensweisen auch im Ausland funktionieren. Bei genauerem Hinschauen würde jedoch sehr schnell auffallen, dass dies leider nur selten der Fall ist.

HS_Bildung: Herr Eidam, gibt es denn bei uns Deutschen ein ganz typisches „Fehlverhalten“?

Eidam: Ein ganz typisches Beispiel ist unsere sehr direkte Kommunikation. Wir sind es gewohnt, etwas zu sagen, wenn uns etwas nicht überzeugt. Wir können in unserem direkten Umgang mit Kollegen und Mitarbeitern fachliche Kritik offen ansprechen und tun dies auch. Wenn Sie aber in andere Länder blicken, zum Beispiel in den asiatischen Raum, dann würde so eine offene Kritik – auch wenn sie neutral auf einer fachlichen Ebene formuliert wurde – durchaus als Beleidigung verstanden werden. In diesen Ländern wird Kritik nicht direkt ausgesprochen, sondern lediglich angedeutet, was aber trotzdem beim Gesprächspartner richtig verstanden wird.

HS_Bildung: Vielen Dank für das Gespräch und die tollen Antworten!

Profil_EidamMarkus Eidam

Experte für Interkulturelle Weiterbildung

Schwerpunkte: Interkulturelle Kompetenzvermittlung, Arbeiten im Ausland, Auslandsaufenthalte

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