ideeIn den letzten Wochen wurde ich mehrfach mit Bildungslücken konfrontiert; und zwar auf ganz verschiedene Art und Weise. Das Erlebte hat mich dazu animiert, mir Gedanken über dieses Thema zu machen. Je mehr Gedanken ich mir jedoch über Bildungslücken machte, desto schwieriger wurde es, mir eine Meinung darüber zu bilden – am Ende wurden meine Überlegungen immer philosophischer. Aber so weit will ich in diesem Beitrag gar nicht gehen. Dieser Artikel ist eine absolut subjektive Betrachtung zum Thema Bildungslücken.

Gleich zu Anfang eine Feststellung: Bildungslücken hat jeder! Ob die Gesellschaft (oder ein Teil derselben) diese Lücken als schlimm erachtet, hängt jedoch davon ab, wo sich diese befinden. Eine Bildungslücke kann im Grunde genommen nur die Allgemeinbildung (definiere Allgemeinbildung…) betreffen. Ich kann von einem Kieferchirurgen wohl kaum erwarten, dass er weiß, wie die Einspritzanlage seines Sportwagens funktioniert. Wenn dieser Facharzt allerdings nicht weiß, was eine Mandibuläre Retrognathie ist, dann hat er eine Wissenslücke.

Doch nun zu meinen ganz persönlichen Erlebnissen. Ich besitze seit sieben Jahren kein TV-Gerät mehr, was nebenbei bemerkt eine der besten Entscheidungen meines Lebens war. Diese Tatsache führt aber zu einem Zustand, den ein Großteil der Bevölkerung als Bildungslücke betrachtet. Ich wusste im Laufe eines Gesprächs zum Beispiel nicht, wer „die Katzenberger“ ist und auch der Name Mario Götze war mir völlig unbekannt, weil ich mich auch keinen Deut für Fußball interessiere. Das gab den Anstoß dafür, mich mit Bildungslücken auseinanderzusetzen. Für mich persönlich gibt es vor allem vier Arten von Bildungslücken:

Schlimme Bildungslücken

Schlimme Bildungslücken sind für mich unter anderem, wenn man irgendwann eine falsche Tatsache oder eine Halbwahrheit als Fakt akzeptiert hat, ohne sie in späteren Jahren noch einmal zu überprüfen. Persönliches Beispiel: Ich nahm immer an, dass sich der Faschismus der 1930er Jahre in  Österreich parallel zum deutschen Faschismus entwickelt hätte und dass es keinen Unterschied zwischen den beiden radikalen Systemen gab. Dann sah ich auf ZEIT.de den Kurzfilm „Heldenkanzler“ (siehe unten), dessen historische Korrektheit zwar vielleicht nicht zu 100% nachvollziehbar ist aber der mich dennoch dazu brachte, mich mit der Geschichte des Austrofaschismus und des Österreichischen Kanzlers Engelbert Dollfuß zu beschäftigen.

 

Unschöne Bildungslücken

Im Zuge der letzten bzw. der (angeblich) immer noch anhaltenden Wirtschaftskrise sprach mich ein Freund darauf an, dass das gegenwärtige Finanzsystem wegen der Zinseszins-Wirtschaft auf Dauer nicht funktionieren könne. Er sprach vom Leitzins, von der Abschaffung der goldgedeckten Währung und von der Bilderberg-Konferenz. Ich verstand nur Bahnhof und begann mich mit diesem Thema zu beschäftigten. Nach mehreren Stunden Recherche verstand ich immer noch Bahnhof und mir wurde klar, dass ich das alles gar nicht wissen will. Unschön, weil ich gegen das bestehende Finanzsystem bin, dies aber nicht mit Fakten untermauern kann.

Vertretbare Bildungslücken

Dass ich nicht weiß, wer „die Katzenberger“ ist (ich weiß es übrigens immer noch nicht) und ich den Namen Mario Götze noch nie gehört habe – also damit kann ich echt leben. Ich weiß auch nicht wie viele Male unser allseits geliebter Schuhmichel die Formel1-Weltmeisterschaft gewonnen hat und ich kenne kein einziges Soap-Sternchen. Mittlerweile kann ich sogar schweigen, wenn ein Gespräch in Richtung politisches Tagesgeschäft geht. Darüber weiß ich viel zu wenig, als dass ich qualifiziert mitreden könnte.

Kleine Bildungslücken

Ich bin wahrhaftig kein Freund von Smartphones & Co. – diese Geräte eignen sich jedoch hervorragend zur Bekämpfung „kleiner“ Bildungslücken, die während kurzer Wartezeiten effektiv geschlossen werden können. Beispiel: Ich finde Lakritze schlicht und einfach widerlich. Einem Lakritz-Liebhaber gegenüber stellte ich einmal die Vermutung auf, dass dieses Zeug, dem Geschmack nach zu urteilen, aus Hühnermist und Terpentin bestünde. Er glaubte wiederum, dass es eine Lakritzpflanze gäbe. Sofort schaute ich via Smartphone nach und siehe da: Der Grundstoff für Lakritze wird tatsächlich aus der Lakritz- bzw. Süßholz-Pflanze gewonnen.

Fazit

Man kann nicht alles wissen, das ist klar. Es kommt in puncto Allgemeinbildung immer auf die Ansprüche an, die man an sich selbst hat. Es ist vollkommen ok, wenn ein Großteil der Bevölkerung sich damit zufrieden gibt, sein „Wissen“ aus den einschlägigen Boulevardblättern zu beziehen. Für meinen Teil habe ich mir angewöhnt, dass ich sofort nachschaue, wenn mich ein Sachverhalt oder auch nur ein Wort interessiert und mir die Hintergründe nicht bekannt sind. Dafür sind Smartphones ein echter Segen.

Für viele andere Themen (die mir zu kompliziert oder zu uninteressant erscheinen) beweise ich schlicht und einfach MUT ZUR LÜCKE und halte weitgehend meinen Mund, wenn sich andere Menschen, die sich besser damit auskennen, über diese Themen unterhalten. Aber ganz schweigsam kann ich meistens doch nicht sein. Ich beteilige mich dann allerdings an der Diskussion eher mit Fragen als mit Postulaten und muss schon manchmal darüber schmunzeln, wie die einzelnen Parteien insistieren, um mich von ihrem Standpunkt zu überzeugen…

 

©Bild: @istockpoto.com/liveostockimages
©Video: @Benjamin Swiczinsky

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