Hat uns die tägliche Datenflut tatsächlich fest im Griff? Der Umgang mit der Übermenge an Daten, die uns im Berufsalltag immer öfters begegnen, überfordert zunehmend. Wie können wir aber mit diesem Datenfluss lernen umzugehen, ohne den Blick aufs Wesentliche völlig zu verlieren? Wir haben darüber mit Trainer und Speaker Helgo Bretschneider gesprochen, der sich seit vielen Jahren intensiv in seinen Impuls-Seminaren mit dieser Thematik auseinandersetzt.

Trainer und Speaker Helgo Bretschneider

HS_Bildung: Herr Bretschneider, Sie beschäftigen sich in Ihrem Buch mit der Übermenge an Daten und Informationen, mit der wir zu kämpfen haben. Gibt es eine Art „Formel“ wieviel Datenfluss normal ist, bzw. zu schaffen ist?

Bretschneider: Es gibt heute für jeden Menschen ein unfassbar großes Angebot an Informationen, nennen wir es die „täglich mögliche Datenflut“. Ob daraus eine persönliche Informationsflut entsteht, spielt sich in jedem Kopf individuell ab. Erst die unpassende Menge, Auswahl oder emotionale Bewertung von Daten, lässt das Gefühl des sog. „information overload“ entstehen. Als „Wunderformel“ sollte es ausreichen, auf den sog. gesunden Menschenverstand zu achten und zu spüren, wann die persönliche Belastung zu viel wird.

Das ist durchaus vergleichbar mit gesunder Ernährung. Jedoch auch beim Verzehr von Lebensmitteln klappt das mit dem gesunden Menschenverstand nicht immer, wenn man Aspekte wie Fast Food, Übergewicht usw. sieht.  Geht man das Thema Datenflut mit dem Verstand an, wird es komplizierter. Es gibt verschiedene, nicht immer sichtbare Einflussfaktoren. Die moderne Technik gehört dazu, genauso aber auch das ständige Erfüllen von Erwartungshaltungen der beruflichen und privaten Umwelt oder die persönliche Konditionierung, mit stressigen Situationen unterschiedlich umzugehen.

 HS_Bildung: Aber gerade die technischen Neuerungen sollten doch eigentlich dazu führen, unsere Arbeitswelt einfacher und übersichtlicher zu gestalten?

Bretschneider: Sicher bringen die technischen Errungenschaften große Vorteile in unsere Arbeitswelt. Ich möchte auf meinen Computer, das Smartphone usw. nicht mehr verzichten. Das schließt keineswegs aus, dass die Belastung insgesamt gestiegen ist. Der zeitliche und mentale Aufwand, die leistungsstarken „Hilfsmaschinen“ sinnvoll zu nutzen, ist enorm. Ständige Veränderungen von Hard- und Software in einer Welt von Bits und Bytes, die nur wenige wirklich verstehen, ist und bleibt eine enorme Herausforderung.

Die Technik bietet jedoch auch Gefahren. Wo früher Telefon und Post waren, sind heute zusätzlich Mails, Smartphones, soziale Netzwerke, Intranet und Cloud Computing. Alles soll schnell gehen. Informations-Holschuld statt Selbstbestimmung dominieren den Alltag. Natürliche menschliche Eigenschaften, wie Neugierde, Ehrgeiz oder  Perfektionsstreben können in Zusammenarbeit mit der modernen Technik schnell zur Überforderung werden. Reizüberflutung kann dabei zur täglichen Arbeitsdroge werden. Jeder kennt das „Flow-Gefühl“, wenn wir an hektischen Tagen wahre Multitasking-Wunder vollbringen. Wir fühlen uns erfolgreich, gebraucht und anerkannt. Und tatsächlich genießt diese Art von Aktionismus auf sehr seltsame Weise einen guten Ruf. Gern wird damit angegeben, wie stressig der Beruf ist und wie wir es dennoch heldenhaft gelöst haben. Die moderne Form eines Abenteuers…

Tatsächlich bedeutet jede Form von Multitasking eine Stresssituation für unser Gehirn. Es entspricht dem entscheidenden Moment auf der Jagd, wo wir den Speer werfen. Unser ganzes System arbeitet im Kampfmodus mit hohen Ausschüttungen von Adrenalin und Cortisol. Eine natürliche Reaktion und in einem bestimmten Kontext überlebenswichtig. Passiert diese Situation häufig, leidet der Mensch. Die Arbeitsmedizin kann die negativen Auswirkungen einer dauerhaften Überlastung heute genau messen und beschreiben. Zudem ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass Multitasking die Fehlerquote erhöht.

»Viele Unsicherheitsfaktoren gefährden unser Lebensmodell«

HS_Bildung: Also bedingen nicht nur die technischen Neuerungen die Überlastung und daraus resultierenden psychischen Probleme unseres Arbeitsalltags? 

Bretschneider: Genau, die Technik alleine ist sicher nicht ursächlich für unsere stressigere Arbeitswelt. Veränderte Rahmenbedingungen im Beruf wie auch bei den persönlichen Lebensmodellen spielen eine wesentliche Rolle. Ein typischer Teilnehmer meiner Seminare arbeitet 50-60 Stunde pro Woche „erfolgreich“ im Management eines Konzern oder mittelständigen Unternehmens. Er fährt einen schicken Dienstwagen und lebt mit Frau und Kindern in einer anspruchsvollen Immobilie. Klingt doch alles sehr gut, oder?

Anders als noch vor vielleicht 30 Jahren kann dieser Manager nicht damit rechnen, dass er einen langfristig sicheren Arbeitsplatz hat und seine Familiensituation über Jahrzehnte planbar ist. Viele Unsicherheitsfaktoren gefährden das Lebensmodell. Die monatlich finanzielle Belastung der modernen Lebensführung macht jedoch unflexibel. Wie reagiert dieser Mensch auf Belastungen? Riskiert er seinen Job, indem er die unrealistischen Forderungen seines Chefs zur Sprache bringt? Traut er seinem gesunden Menschenverstand, auch wenn andere Kollegen sich angepasst verhalten? Eine komplizierte Situation. Die moderne Technik am Arbeitsplatz ist dabei nur ein zusätzlicher Druckfaktor, der vielleicht im beruflichen Alltag besonders wahrgenommen wird, nicht jedoch die eigentliche Ursache.

HS_Bildung: Wie kann denn ein positiver Umgang mit dieser Fülle an Daten und Informationen im (Arbeits-)Alltag funktionieren, damit eine Überforderung verhindert wird?

Effiziente Arbeitstechniken helfen beim Umgang mit der Datenflut

Bretschneider: Einerseits helfen effiziente Arbeitstechniken. Wer beispielsweise sein Lesetempo im sicheren Bereich verdoppelt, spart bereits pro Arbeitstag mindestens eine Stunde Zeit. Das ist ein enormes Potential. Solche verschiedenen Techniken angewandt verändern den Arbeitsalltag spürbar.

Schon schwieriger ist das Ändern eigener Verhaltensweisen. Muss ich immer alles perfekt wissen? Muss ich immer und für jeden erreichbar sein? Sind ständige Störungen, die meinen Arbeitsprozess unterbrechen sinnvoll und normal? Wo versuche ich, es allen recht zu machen, vielleicht sogar mehr als erwartet? Die Reihe solcher Fragen lässt sich beliebig fortsetzen. Interessant finde ich, dass Menschen nach einer ernsthaften Erkrankung am Arbeitsplatz oftmals Lösungen finden und akzeptieren, den Druck der Reizüberflutung nicht mehr in dem gefährlichen Maße an sich heranzulassen.

HS_Bildung: Glauben Sie, dass Maßnahmen von großen Unternehmen, die die Postfächer ihrer Mitarbeiter zum Wochenende oder nach Feierabend kappen, sinnvoll sind, bzw. tatsächlich Besserung schaffen? Geht es nicht vielmehr um ein grundsätzliches Umdenken, was gerade auch die Führungskräfte anbelangt?

Bretschneider: Was zurzeit in diesem Bereich passiert, ist der verzweifelte Versuch einer Schadensbegrenzung. Solange Unternehmen ihr „humanes Kapital“ nicht ganzheitlich sinnvoll mit einbeziehen entsteht schnell eine Schieflage. Da wird montags ein Meeting einberufen, weil die Umsatzmarke für das Quartal noch nicht erreicht ist und enormer Druck „von oben“ gemacht wird. Am Dienstag findet der betriebliche Gesundheitstag statt, wo alle Mitarbeiter aufgefordert werden, mehr auf den Erhalt der Motivation und Gesundheit zu achten. Was glauben Sie, denkt dieser Mitarbeiter, wenn er Mittwoch wieder am Schreibtisch sitzt und erneut Druck wegen der Zahlen bekommt. Da habe ich schon unglaubliche Geschichten mitbekommen.

»Eine „humane Arbeitswelt“ erhöht den Gewinn eines Unternehmens«

HS_Bildung: Sie haben in Ihrem letzten Artikel von der „Vermenschlichung der Arbeitswelt“ gesprochen. Was genau können wir uns darunter vorstellen und wie kann so etwas in einem Unternehmen aussehen?

Bretschneider: Es gibt ökonomische Betrachtungen, dass eine „humane Arbeitswelt“ den Gewinn eines Unternehmens erhöht. Ich habe solche Unternehmen schon persönlich erlebt. Allerdings nicht so häufig. Und es sind eher Unternehmen, wo ein strategisch denkender Unternehmer über Generationen sein Unternehmen führt. Was ist dort anders? Die subjektive Zufriedenheit mit dem Arbeitsplatz und die Identifikation zum Unternehmen stehen im Fokus der Führungskräfte. Mitarbeiter bekommen beispielsweise Aufgaben, die sie ihrer Ausbildung und persönlichen Kompetenz entsprechend auch tatsächlich erfüllen können.

Wenn technische Fachkräfte etwa zu viel zusätzliche Administration erledigen müssen, wird das sehr schnell unproduktiv und demotivierend. Ich kenne konkrete Beispiele dieser Art, wo die Schaffung neuer Arbeitsplätze insgesamt den Gewinn des Unternehmens erhöht. Mitarbeiter erhalten zusätzliche Zeitressourcen, in denen Sie produktiv tätig sind, statt irgendwelche Formalitäten zu erledigen.

Unternehmen, in denen die Mitarbeiter die Strategien nachvollziehen können, sich als produktiven Teil des Ganzen erleben, Sicherheit und Anerkennung spüren, haben eine geringere Mitarbeiterfluktuation und auch spürbar geringere Krankenstände. In „shareholder value“ orientierten AGs kann das kaum funktionieren. Alleine der ständige Druck des Marktes auf möglichst hohe Rendite arbeitet dagegen.

HS_Bildung: Können Sie uns und unseren Lesern zum Ende vielleicht noch einen konkreten Tipp mit auf den Weg, was jeder jetzt direkt umsetzen kann, um der Informationsflut Herr zu werden?

Bretschneider: Es gibt einige ganz einfache Tipps, die jeder sofort umsetzen kann. Wichtig ist beispielsweise die Schulung der bewussten Aufmerksamkeit, in einer Situation der Informationsaufnahme. Kann ich beispielsweise zu der gehörten Information ein Bild sehen? Kann ich etwas fühlen, schmecken und riechen? Oftmals werden dem Gehirn zu viele Multitasking-Reize geliefert. Wir bekommen eine Information, denken vielleicht an eine Situation am morgigen Tag und es klingelt noch das Telefon. Hier gilt: Eine Information, die im Gehirn abrufbar gespeichert werden soll, sollte bewusst mit möglichst vielen Wahrnehmungskanälen, aber ohne Ablenkung aufgenommen und verarbeitet werden. Sehr hilfreich ist es zudem, wenn nach der Informationsaufnahme eine kleine „Gedankenpause“ stattfindet. Es ist eindeutig nachgewiesen, dass unser Gehirn in solchen Pausen Informationen erfolgreicher verarbeitet.

Noch ein Tipp: Unser „Höhlengehirn“ braucht Ruhezeiten. Es macht sehr viel Sinn sich diese Auszeiten bewusst zu gönnen. Nicht erreichbar sein ist kein Luxus, sondern ein unbewusstes Bedürfnis des Menschen, zu regenerieren. Die ständige Erreichbarkeit, beispielsweise per Smartphone, ist ein Stressfaktor, der unserem natürlichen Bedürfnis nach Ruhe gar nicht entspricht.

Coaching-Experte Helgo Bretschneider

Helgo Bretschneider

Wer mehr über den erfolgreichen Umgang mit der täglichen Daten- und Informationsflut sowie dem täglichen Stress am Arbeitsplatz oder Helgo Bretschneider erfahren möchte oder sich für einen seiner Vorträge interessiert, bekommt weitere Informationen unter www.datenflut.info

Datenflut

 

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