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Ganze Passagen kopiert. Schluderig zitiert. Zu dünnes Thema. Ist die aktuelle Jagd nach Plagiaten ein Phänomen der Abneigung gegenüber Politikern, oder sind die Ansprüche wirklich gestiegen?

Aktuell sitzt Norbert Lammert, Präsident des Deutschen Bundestages, auf der gesellschaftlichen Anklagebank. Der Vorwurf ist nicht neu: Er habe in seiner Dissertation Plagiate verwendet, die so gravierend sind, dass er seinen wissenschaftlichen Titel nicht führen dürfe. Wie so oft steckt hinter der Anschuldigung eine unnachgiebige Community an Plagiatsjägern, die ihre spitzfindigen Analysen im Netz präsentieren. Lammert ging in die Offensive und beantragte eine Prüfung. Bisher sprechen sich die meisten dafür aus, Lammert habe keine wirklichen Plagiate in seiner Arbeit oder zumindest nicht solche, die die Arbeit diskreditieren.

Viele sagen, dass die Kriterien, ab wann etwas als Plagiat gilt, sich verschoben haben. Früher sei es zwar auch nicht zulässig gewesen, ganze Passagen, á la Guttenberg, einfach zu kopieren, aber früher sei man mit Reformulierungen nicht so streng umgegangen. Das wirft einige Fragen auf:

Ab wann ist ein Gedanke neu?

Es ist schwer einen völlig neuen Gedanken niederzuschreiben, also etwas, das noch niemand vorher behandelt hat. Bei einigen Themen kommt man, sofern man bereits in der Materie steckt, schnell zu den gängigen Thesen. Dass diese natürlich auch bereits von der Forschung ausformuliert wurden, ist bei der Menge an Forschungsmaterial nicht verwunderlich. Auch wird jeder Verfasser von der Literatur, die er liest, geprägt. Jeder Doktorand, der sich jahrelang mit seiner Materie auseinandergesetzt hat, wird mehr oder weniger vom Wortlaut und der Sprache der von ihm zitierten Literatur beeinflusst. Verschleierung, oder sogenannte graue Plagiate, die ohne Absicht geschehen, sind in vielen Fällen von „echten“ Plagiaten schwer zu unterscheiden.

Ansprüche an Zitation und Literaturrecherche

Lammert wird vorgeworfen, dass er hauptsächlich Sekundärquellen verwendet habe, also bereits ausgearbeitete wissenschaftliche Abhandlungen. Er habe die dortigen Fehler übernommen und dadurch Werke genannt, die nicht existieren. Zwar sollte man als Doktorand jedes zitierte Werk in der Hand gehalten haben, aber jeder Wissenschaftler kennt die Probleme mit auflageschwachen oder vergriffenen Werken. Sehr schnell stützt man sich auf die Aussagen eines anderen Forschers, der diese Quelle in den Händen hatte – und übernimmt etwaige Fehler. Ist das nun Schlampigkeit oder alltägliche Forschungsarbeit?

Steckt hinter den Plagiatsaffären ein anderes Problem?

Vielleicht geht es auch gar nicht um Genauigkeit und Professionalität im wissenschaftlichen Betrieb. Denn immerhin werden vorwiegend die wissenschaftlichen Arbeiten von Politikern analysiert und weniger von denen, die eine Karriere in der Forschung gemacht haben. Es liegt also nahe, anzunehmen, dass zumindest bei der Auswahl auch eine gewisse Abneigung gegen die amtierenden Politiker vorliegt. In Deutschland ist es besonders für die hohen Ämter fast schon verpflichtend, einen Titel zu führen – ganz anders in den USA, wo Titel eher ein Zeichen für politisches Unvermögen sind.

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