ideeMit Grausen erinnere ich mich an den Werbespot mit Boris Becker, der Mitte der 90er Jahre für das Internet warb: „Bin ich drin? Ich bin drin! So einfach ist das?“ Im Internet sind wir wohl mittlerweile fast alle „drin“ – aber wie schaut´s mit sozialen Netzwerken? Also ich persönlich war „drin“ – war ganz einfach – ich bin aber nach nur zwei Wochen wieder „raus“ – einfach schrecklich war das! Es folgt ein kurzer Bericht über meinen Ausflug zu Facebook.

Im April dieses Jahres nahm ich an einem Training im Rahmen einer Coaching-Ausbildung teil. Damit sich die Teilnehmer auch nach dem Seminar noch zu gegenseitigen Coachings und Veranstaltungen zusammenfinden können, wurde eine Facebook-Gruppe als Info-Plattform gegründet. Das brachte mich erstmalig in die Verlegenheit, einen Facebook-Account erstellen zu müssen. Also dachte ich mir einen fiktiven Namen und völlig aus der Luft gegriffene Daten aus, schmückte mein Profil mit einem Bild von Monty Phytons König Arthur aus „Die Ritter der Kokosnuss“ und schon war ich auf Facebook (sozusagen „drin“).

Mit der Coaching-Truppe hatte ich sehr flott Kontakt und als Info-Plattform fand ich Facebook eigentlich ganz brauchbar. Ich hatte genau 28 (+1) Freunde – genau die Anzahl der Seminarteilnehmer inkl. Trainer. Nach kurzer Zeit (ich loggte mich nicht jeden Tag ein) kam eine E-Mail, der ich entnehmen konnte, dass ich 47 Freundschaftsanfragen hätte. Das machte mich natürlich neugierig und ich schaute mir diese Anfragen an. Die Freundschaftsanfragen kamen ausschließlich aus meinem Bekanntenkreis (nicht Freundeskreis, meine Freunde kennen mich…). Das fand ich sehr dubios, denn woher wussten diese Menschen, dass das mein Account ist.

tabletAlso bestätigte ich die Freundschaftsanfragen und fragte erst einmal nach, woher wir uns kennen bzw. woher sie wussten, dass ich es bin. „Du bist doch auf Whatsapp“, kam die prompte Antwort, „da hast Du das gleiche Profilbild, das hat uns Deine Tochter mal gezeigt“ Da meine Tochter ebenfalls auf Facebook vertreten ist und ich sie als einzigen privaten Kontakt hinzugefügt hatte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Auf Whatsapp bin ich übrigens nur, um stressfrei mit meinen Töchtern kommunizieren zu können.

In den nächsten Tagen beobachtete ich, zunächst verwundert, dann amüsiert und zuletzt mehr und mehr entsetzt, was die Nachbarschaft und der periphere Bekanntenkreis so alles ins Netz absondert. Ich erfuhr unter anderem, welche Unterwäsche meine Nachbarin an besagten Tagen trug, dass das Kind meiner Großcousine Durchfall hat, mein Nachbar neue Alufelgen kauft, meine Nichte betrunken in einen Graben gefallen ist und das irgendeine Frau, die nicht einmal kenne, von ihren Lidschatten einen Ausschlag bekommt – natürlich alles mit Bildern (außer dem Durchfall).

Warum tun sie das? Fragte ich mich für den Bruchteil einer Sekunde, dann verwarf ich die Frage auch schon wieder, schrieb umgehend den legendären Post „War gerade auf Toilette, Stuhlgang normal!“, bekam dafür binnen einer Stunde drei Likes (von Menschen, denen die Worte Zynismus, Sarkasmus oder Ironie nicht geläufig sind) und löschte meinen Account. Bestimmt ist Facebook nicht ausschließlich von solchen Personen bevölkert, der nachfolgende Kurzfilm, den ich auf der genialen Seite zen pencils gefunden habe, bringt es jedoch meines Erachtens gut auf den Punkt, was Facebook für sehr viele Menschen ist.

Bild: @istockphoto.com/Erikona
Video: @Marc Maron http://www.wtfpod.com

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