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Nein, im Audimax finden keine Verkaufsveranstaltungen für hochwertige Autos zu Studententarifen statt und das Kürzel s.t. steht nicht für „see you tomorrow“.

Für umgangssprachliche Abkürzungen ist Facebook heute zuständig – das ist jedem Studenten spätestens seit Wikipedia klar. Was aber, wenn man die Abkürzungen zum Hörsaal nicht kennt, den Stadtplan noch nicht entziffern kann, als Erstsemester nach falschen Raumbezeichnungen fahndet und plötzlich zehn andere Kommilitonen in der gleichen Sackgasse trifft? Da braucht es doch Führung – ein fürwahr unschönes Wort in der neuen Lebenswelt.

Bayern ist schön

Jedes Jahr aber wiederholen sich an Deutschlands Hochschulen trotz moderner digitaler Wissenszugänge von neuem Pleiten, Pech und Pannen. In Zeiten von Sturm und Drang reiht sich eine Erstsemesterveranstaltung an die nächste, und das s.t steht jetzt auch nicht für Sturm und Drang sondern für Pünktlichkeit, die an sich schon eine Herausforderung ist, wenn einem in der Fahrradstadt Münster über Nacht das Fahrrad geklaut wurde oder die Innenstadt in Mainz wegen Besuch eines hochrangigen Diplomaten gesperrt ist.

Wer dann von der Einführungsveranstaltung wegen sofortiger Abwesenheit und spontaner Quotenregelung bereits ausgeschlossen wird, der kann vielleicht noch nach Bayern ins Exil gehen und dort Jura studieren. Dann aber müsste sie oder er gleich dableiben, weil Bayern im Fachbereich Jura einem „Never come back-Trip“ gleich kommt, wo die hier an der Uni erworbenen Scheine nur für die jeweilige Uni Akzeptanz finden. In Bayern ist nämlich auch Regensburg anders als München.

 Was machst du denn jetzt? – Ich studiere Erstsemester!

Schön ist Bayern. Schön ist auch, endlich erwachsen zu sein. Und weil bis zum Bachelor-Abschluss für die Grammatik keine Zeit bleibt, antworten viele auf die Frage: „Was machst du denn jetzt?“ – „Ich studiere Erstsemester!“ Sie lassen aus der Antwort aber nicht nur wichtige Grammatikelemente, sondern auch den Fachgang und den Fachbereich erkennen. Prinzipiell haben sie in ihren Antworten auch Recht, denn sie studieren ja wirklich Erstsemester und nicht das Fach.

Junge Studenten aber sind schlau und fragen nicht nach dem Weg sondern gleich nach dem Ziel. Der Navi wird’s schon richten, auch wenn der einem nicht sagt, dass man den Professor nicht gerade in der ersten Mail duzen sollte. Übrigens – auch nicht in der zweiten. „Hast du Schein für mich?“ soll als Frage an mehreren Universitäten vorgekommen sein – nichts Genaues weiß man nicht und früher ist später als morgen. Im Norden wie im Süden des Landes häufen sich aber unterdessen die Klagen, dass die Rechtschreib- und Lesekompetenzen bei Erstsemestern in den letzten Jahren erheblich nachgelassen haben – das passt doch auch wieder zu der jüngsten PISA-Studie. Wird hier überhaupt einer die Ironie herauslesen können?

 „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“

Der Autor dieser Gedichtsverse war kein Hesse, er hieß nur so und er sagte schon vor Jahrzehnten die aktuelle Situation der Erstsemester-Studenten in Deutschland voraus und forderte von sich und ihnen:  „Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten…“ Das muss heute bei überfüllten Hörsälen gehen, denn andere haben es doch letztes Jahr auch geschafft. Okay, wer Koptologie studiert, hat sicher größere Chancen, die Räume heiter zu beschreiten, aber der Zauber, der hält sich wirklich noch eine Weile.

Und wer dann irgendwann routiniert wird, der studiert im nächsten Jahr zur gleichen Zeit wieder Erstsemester, die erkennbar bleiben an aufgeregten Stimmen oder an in Händen ausgebreiteten Stadtplänen. Wer Numismatik studiert, der wird sie noch schneller erkennen, weil sie quer über den Campus eine Zeit lang wie Falschgeld rumlaufen werden. Und nein. Die Credit Points werden nicht von der Deutschen Bank vergeben.

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