universitaetSchon immer waren Leistungskurse wichtig, hatte der Schnitt im Abitur eine enorme Bedeutung für die Anschlussperspektive von Schülern, waren die Abiturienten um Erfolge mehr oder weniger bemüht. Jetzt aber wird mit den doppelten Jahrgängen im bevölkerungsreichsten Bundesland sichtbar, wie hart die Selektion der Universitäten für die meisten Abiturienten ausfällt. Das Abitur gewinnt an Bedeutung und verliert zugleich an Qualität. Warum ist das so?

Doppelte Jahrgänge

Nach Bayern, Niedersachsen, Hessen, Berlin, Bremen und Brandenburg erlebt nun 2013 mit Nordrhein-Westfalen auch das bevölkerungsreichste Bundesland die Welle der doppelten Jahrgänge von Abiturienten. Abiturienten, die auf der Suche nach Anschlussperspektiven sind, müssen häufig erste Enttäuschungen hinnehmen. In vielerlei Hinsicht sind Universitäten und Fachhochschulen trotz einer längeren Vorbereitungszeit auf die doppelten Jahrgänge kaum vorbereitet. Für viele Studienbewerber hagelt es gerade reihenweise Absagen. Unterdessen betreut die Bertelsmann-Stiftung ein Projekt, in dem die Folgekosten unzureichender Bildung berechnet werden.

In einem Land ohne nennenswerte Rohstoffe ist die Ausbildung und Bildung junger Menschen zweifellos von überragender Bedeutung. Die aktuelle Situation für Abiturienten der doppelten Jahrgänge ist dagegen dramatisch schlecht. Dafür kann und muss man sich in einem Land schämen, in dem gerade ein rechtlicher Anspruch auf einen KiTa-Platz eingeführt wurde. Eben diese Plätze sollen und müssen nach den Gesetzen der Bildungsökonomie in spätestens zehn Jahren auch von den Leistungsträgern von morgen erwirtschaftet werden, denen man heute schon in der knallharten Selektion keine Chance gibt. Das ist nicht nur unfair – das ist womöglich mit Blick auf den Gleichheitsgrundsatz auch grundgesetzwidrig. Denn das Berliner Abitur ist mit dem Abitur in Bayern heute kaum zu vergleichen.

Es ist dabei nicht hinnehmbar, dass der Berliner Abiturient Peter am Ende mit einer 1,0 unter dem Zeugnis sein Medizinstudium gesichert hat, während Paul aus München mit einer Abiturdurchschnittsnote von 1,6 abgelehnt wird. Erst 2016/2017, so haben es die Kultusminister kürzlich beschlossen, sollen sich die Abiturprüfungen aus einem landesweiten Aufgabenpool zusammensetzen und das Abitur in Deutschland vergleichbarer machen. So richtig dieser Schritt ist, er wird zweifellos zum weiteren Niveauverlust des Abiturs führen. Die jetzt schon betrogenen Generationen dürfte diese Regelung ohnehin nicht mehr berühren (Quelle: Bertelsmann Stiftung)

 Leistungskurse und Abischnitt

In furchtbar schmalen Zeitfenstern zwischen dem endgültigen Abiturzeugnis Mitte oder Ende Juni und einzuhaltenden Bewerbungsfristen an den Hochschulen Mitte Juli sollten und mussten junge Menschen auch früher schon über ihren Anschlussweg entscheiden. Heute aber müssen viele junge Menschen hautnah erleben, dass das Büffeln in den Leistungskursen als auch ihr persönlicher Abiturschnitt nicht ausreicht, weil es immer andere gibt, die noch besser sind. Diese Erfahrungen werden nachfolgende Schülergenerationen lehren, sich noch früher um ein gutes Abitur und eine gute Anschlussperspektive zu bemühen.

Vorbei ist der Schlendrian, den man den jungen Generationen noch heute manchmal zu Unrecht nachsagt. Wir haben jungen Menschen jetzt ausreichend mahnende Beispiele des Scheiterns gegeben, sodass sie ausreichend konditioniert für gute Noten büffeln. Weil das Abitur mit der Einführung der Zentralprüfungen kalkulierbarer geworden ist, sind auch die Noten in NRW beispielsweise besser geworden (Quelle: Der Westen).

Ob wir mit einem schlechteren Abiturniveau aber die Folgekosten unzureichender Bildung eindämmen, die Prof. Dr. Ludger Wößmann und Marc Piopiunik im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung in einer Studie ausgerechnet haben, ist fraglich. Am Ende werden wir in einer alternden Gesellschaft ohnehin jeden jungen Menschen brauchen – ob mit Abitur oder ohne. Nur merkwürdig, dass das viele Menschen mit Prädikatsabitur bis heute nicht verstanden haben.

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