WortzumFreitagPolitik, Wirtschaft und Gesellschaft sind sich bei kaum einem anderen Thema so einig. Die Integration von Migranten in Deutschland kann nur über die Bildung erfolgen. Seit Jahren werden zahlreiche Projekte mit Steuermitteln unterstützt, die den Aufstieg durch Bildung fördern. Menschen arbeiten engagiert an der Integration ausländischer Mitbürger. Ein Viertel aller Schüler in Deutschland kommt schließlich aus Familien mit Migrationshintergrund. Wenn erfolgreiche Integration aber mittelfristig bedeutet, dass sie später Bürger und nicht mehr Bürger mit Migrationshintergrund genannt werden sollen, muss noch einiges passieren. Ihre Förderung in der Bildung ist unbestritten notwendig. Aber wie sieht ihre Förderung nach der Ausbildung aus? Und welche Chancen haben sie wirklich auf dem Arbeitsmarkt?

Problem fehlender Netzwerke

diverstitaetEines vorab: Die Berufschancen junger Menschen allgemein haben sich in diesem Land verändert. Befristete Arbeitsverträge, unsichere Teilzeitverträge oder zahlreiche unbezahlte Praktika machen die Lebensplanung junger Menschen immer schwerer. Und dieses Problem gilt längst nicht mehr allein für junge Menschen mit geringen Qualifikationen. Für junge Menschen aber, die gut ausgebildet sind und aus Zuwandererfamilien kommen, gesellt sich ein weiteres Problem hinzu. Sie verfügen häufig nicht über die notwendigen Netzwerke im Land, die es braucht, um weitere Optionen und Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt zu erhalten. Es gibt bis heute leider auch keine belastbare Studie, die nachweisen kann, dass die gesellschaftliche Integration ausländischer Mitbürger durch die Bildung und Weiterbildung erfolgreicher gestaltet wird. Das kann so sein, muss aber nicht. Im Jahr 2013 sind laut Statistik 1.226.000 Menschen nach Deutschland zugewandert, 789 000 dagegen abgewandert (Quelle: Mediendienst Integration)

Die Zuwanderung nennen wir Chancenwanderung, aber wie nennen wir die Abwanderung? Und wer befindet sich genau unter diesen Abwanderern? Sie fallen in den nächsten Jahren einfach aus der Statistik. Keiner fragt mehr nach ihnen. Die in den letzten Jahren gleichbleibend hohe Zahl der Abwanderung muss dabei nicht zwangsläufig ein Indiz für nicht funktionierende Integrationsarbeit sein und korrespondiert sicher mit der insgesamt erhöhten Mobilität von Menschen nach 1989. Aber wer sieht, welchen hohen Aufwand qualifizierte und gut ausgebildete Arbeitskräfte aus dem Ausland allein in Deutschland häufig für die Nachqualifikation ihres erlernten Berufs betreiben müssen, wird erahnen, dass sich unter diesen Abwanderern sicher auch viele Menschen befinden, die dieser Gesellschaft sehr guttun würden.

Für gut ausgebildete Fachkräfte aus dem Ausland ist Deutschland offenbar nicht attraktiv. Diese Menschen haben keine Fürsprecher. Das gilt gleichfalls für junge Menschen mit Migrationshintergrund, die hier aufgewachsen sind und trotz zahlreicher Bildungsanstrengungen und guter Abschlüsse frühzeitig mit Vorbehalten und beruflichen Chancenschwierigkeiten leben müssen. Die nachhaltige Integration läuft in Deutschland nämlich zum größten Teil über die Schiene des Berufs. Und da hängt es meistens maßgeblich vom Beruf der Eltern ab, die in der ersten oder zweiten Generation nach Deutschland gekommen sind. Das war bekanntlich eine Zeit, in der viele Bürger des Landes das Wort Integration nicht einmal schreiben konnten.

Vom Bild des billigen Erntehelfers und der bequemen Pflegekraft

Digital Image by Sean Locke Digital Planet Design www.digitalplanetdesign.comIntegration ist ein wechselseitiges Interesse. Zuwanderer müssen den Willen aufbringen, sich hier einzuordnen. Sie müssen dann aber auch Chancen auf Wertschätzung in Bildung und Beruf bekommen. Sie müssen also wie jeder andere hier eine gleiche Chance auf Bildung und eine gleiche Chance auf einen Beruf bekommen. Kaum irgendwo anders gibt es aber so rigide Beschränkungen auf dem Arbeitsmarkt, gibt es so viele Vorbehalte gegenüber beruflichen Qualifikationen aus dem Ausland. Mit dieser Entwertung einer dargebrachten Lebensleistung beginnt keine gute Integration. Hinzu kommt, dass mentale Hürden noch längst nicht abgebaut worden sind.

Unser gesellschaftliches Bild vom billigen Erntehelfer aus Rumänien und der bequemen Pflegekraft aus Polen prägt dabei offenbar die schlechteren Aufstiegschancen der nachfolgenden Generationen aus diesen Ländern. Wer bedenkt, dass ein großer Teil unseres Wohlstands auf diese Kräfte in der Saisonarbeit und auch im Pflegedienst beruht, der erkennt, wie wichtig ein gesellschaftliches Signal wäre, dass auch Menschen mit Migrationshintergrund einen sozialen Aufstieg durch Bildung in diesem Land erleben können.

VN:F [1.9.22_1171]
Diesen Artikel bewerten
Rating: 0.0/10 (0 votes cast)