Bild2Der Begriff Häuptling hat etwas Hierarchisches. Es führt jemand, der mit dem Kopf denkt. Weil kein Mensch mit den Armen und Beinen denken kann, steht der Kopf für Bildung, ist Bildung Hauptsache. Robert Musil hat dabei schon in „Der Mann ohne Eigenschaften“ pointiert zu formulieren gewusst: „Es ist leider in der schönen Literatur nichts so schwer wiederzugeben wie ein denkender Mensch.“ Aber nichts Anderes passiert in seinem unvollendeten Lebenswerk.

Er beschreibt darin Menschen, die vor allem eines tun: Denken. Und nichts Anderes passiert gerade in meinem Kopf, nachdem ich am Wochenende die Literaturwerkstatt im Franz-Hitze-Haus Münster mit dem Häuptling und Münsteraner Schriftsteller Burkhard Spinnen besuchte, bei der Teilnehmer Textauszüge vorstellen konnten, die anschließend besprochen wurden. Die Veranstaltung hatte etwas vom Bachmannpreis-Format, dessen Jury-Vorsitzender der mehrfach ausgezeichnete Schriftsteller Spinnen bis zum Sommer 2014 war. Und doch entwickelte sie sich für mich anders. Ich durfte nämlich persönlich viele weitere Häuptlinge und Texte kennenlernen, die mich nachhaltig beeindruckt haben und die mir wieder einmal klargemacht haben, dass Lesen und Zuhören Bildung ausmacht, Bildung keine Generationensache ist.

Vom Lesen und Zuhören

Das Buch ist out, der Text von gestern, das gesprochene Wort wird flüchtiger, weil wirkliche Begegnungen Zeit und Auseinandersetzung beanspruchen. Immer wieder hören wir solche Klagen frustrierter Zeitkritiker, die sich in einem leicht elitären Ton über die Rastlosigkeit der Menschen beschweren. Für ein sinnliches Erlebnis wie das Lesen von Büchern und schwierigen Texten bleibt in der Tat immer weniger Zeit, und es stimmt natürlich: Bildung wird daher heute auch verknappt, komprimiert, auf den Punkt gebracht. Wikipedia. Für uns mündet Bildung ja in einen Abschluss, sei es der Bachelor, der Master oder die Promotion.

Das lässt junge Menschen schnell denken – jetzt habe ich es geschafft. Es ist nach dem Abitur ein weiteres Ausrufezeichen. Doch die Wirklichkeit ist schneller, grauer und grausamer als ein erster akademischer Titel. Wozu also das Ganze, fragen sich die Protagonisten und Studenten Viola und Tom auch in meinem Roman „Lonesome zweisam“. Um neugierig zu bleiben, würde ich mich einmischen, hätte ich eine allwissende Perspektive für den Roman gewählt. Den allwissenden Erzähler gibt es aber nur in der Literatur, nie im Leben. Wer liest und zuhören kann, bleibt neugierig. Ich habe am vergangenen Wochenende im Franz-Hitze-Haus viel gelesen, interessanten Diskussionen zugehört, könnte nun aber keinen Wikipedia-Artikel darüber schreiben. Will ich auch gar nicht.

Was mich besonders inspiriert hat, ist die versierte Sprachkunst der älteren Semester gewesen, die damals als Kinder sprachlos erschütternde Kriegserlebnisse hinnehmen mussten und heute noch mit den Worten ringen, das Unfassbare in Worte zu fassen. Kein Wort darf verloren gehen, keine Geschichte. Es wird heute digital so viel Müll gespeichert – da muss Platz bleiben für die Geschichten von Vertriebenen, von der Sehnsucht nach einer Heimat, auch von den Verstörungen der Kinder dieser Elterngenerationen in häufig lieblosen und harten Zeiten. Das ist auch Bildung. Und keine Angelegenheit nur einer Generation.

Bildung ist Neugier auf Geschichten und Wissen

Kein Wissen ohne Geschichte und keine Geschichte ohne Wissen. Bildung ist ein lebenslanger Fluss, der Geschichten an unsere Ufer spült, die wir wahrnehmen müssen, um sie aufzunehmen. Wem das zu pathetisch, zu esoterisch klingt, der sollte vielleicht einmal seinen nüchternen Laborblickwinkel hinterfragen und wieder mehr Neugier für andere Menschen entwickeln. Wir sprechen nämlich noch von und über Menschengeschichten, und ohne Menschbildung geht es nicht, wenn wir nie wieder Zeiten erleben wollen, in der ein Häuptling Heerscharen von Gefolgsleuten um sich versammelt, die das Denken freiwillig abgegeben haben oder es abgeben mussten. Wer heute die Lust junger Menschen auf Geschichte und Wissen weckt, ist morgen vielleicht der nächste Friedennobelpreisträger.

Es gibt so viele Lehrer auf der Welt, die ihn schon jetzt verdient hätten. Leider brauchen Preise nahezu immer den einen Held. Bildung eignet sich nicht für den einen Preisträger. Für mich haben alle Teilnehmer der Literaturwerkstatt im Franz-Hitze-Haus Münster am vergangenen Wochenende einen Bachmannpreis verdient. Allein schon, weil sie sich mutig mitgeteilt und anderen neugierig zugehört haben. Das sind zwei Seiten einer Medaille, von der die eine in Selfie-Zeiten und Ego-Shooter-Generationen heute unterzugehen droht. Deswegen hänge ich das so hoch.

Übrigens: Aktuell gibt es wieder einen spannenden Kurzgeschichten-Wettbewerb: »Me, myself and I« oder: »Wie ich es schaffte, mich nicht mehr zu verbiegen«

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