Kolumne-4Schulbildung, Allgemeinbildung, Ausbildung, Fortbildung, Weiterbildung, ja, Bildung ist heute in aller Munde und doch oftmals herrlich ungenau. Jeder spürt mit diesem Wort eine hoffnungstragende Aussicht auf eine bessere Zukunft. Das Wort schafft es, dass Eltern Kinder zum Gymnasium peitschen, dass diese zu den Hochschulen getrieben werden, bis alle irgendwann eine Sinnkrise verspüren und sich mal fragen: Wozu das Ganze?

Wenn diese Sinnzweifelnden dann noch in diesem Moment einen Sonntagsredner hören, der davon spricht, dass eine Gesellschaft ohne Bildung keine zivilisierte sei, schütteln sie müde den Kopf und sagen: Der hat gut reden!

Was ist denn jetzt Bildung?

Nichts Genaues weiß man nicht. Und die Zukunft ist immer weit weg. Lange Bildungskarrieren ohne Praxisaufnahme schleifen sich irgendwann ab, und wir alle kennen die Geschichten des scheinbaren Scheiterns, wenn ausgebildete Menschen dann doch später in einem anderen Bereich arbeiten. Für mich ist das kein Scheitern, sondern sie haben immer etwas Wertvolles mitgenommen auf ihrem Weg, etwas, das ich Menschbildung nenne.

Ich behaupte nämlich, dass Bildungsqualität kaum messbar ist, Bildungsranglisten schon gar nicht erstellt werden können und Nobelpreise als prestigeträchtige Auszeichnungen kaum etwas zu einem Punkt aussagen können, der zentral hinter all dem steht und der doch merkwürdig untergeht im Messbarkeitswahn. Menschbildung ist das Beste, was dieser vorgezeichnete Weg abwirft. Der Sonntagsredner hat nämlich Recht. Ohne Bildung in der Gesellschaft ist kein sozialer Friede möglich, wenngleich ich das Wort zivilisiert nicht dafür gebrauchen würde. Die Aré-Aré auf den Salomon-Inseln sind nicht weniger zivilisiert, nur weil sie unsere Bildungsstandards nicht teilen.

Bildung in der Wissensgesellschaft teilen

Was willst du denn nach dem Realschulabschluss machen? Was nach dem Abitur? Was nach dem Studium? Diese häufig gestellten Fragen können junge Menschen in einer unüberschaubar gewordenen Bildungslandschaft nur überfordern. Aus diesen Fragen spricht die Angst, dass der Bildungsweg für sie am Ende praktisch nicht verwertbar ist, nicht genutzt werden kann, nicht in eine vorzeigbare Karriere münden wird. Wir denken uns Wege immer gerade, obgleich es in Deutschland und auf der ganzen Welt keine Straßen gibt, die nur gerade sind. Diese lineare Gleichung passt nicht auf das Leben. Viele Studienfächer sind so unkonkret, dass sie hinterfragt werden oder längst an Universitäten aus Kostengründen gestrichen worden sind.

Da haben es Auszubildende, die nach der Lehre übernommen werden, besser. Sie ersparen sich diese unnötigen, fruchtlosen und auch bedenklichen Diskussionen, weil sie gleich konkret geworden sind. Diese Diskussionen sind bedenklich, denn sie führen langfristig und in der Konsequenz dazu, dass wir jungen Menschen die Chance nehmen, Vielfalt zu lernen und zu leben. Man kann nämlich nur Wissensvielfalt teilen, denn was lässt sich teilen, wenn alle BWL oder Jura studieren und die gleichen Inhalte lernen? Die „Mc Donaldisierung“ der Bildung und Ausbildung hat längst eingesetzt, aber das ist eine sehr bedenkliche Entwicklung.

Wettbewerb und soziales Lernen schließen sich aus

Je mehr wir auf Bildungswettbewerb setzen, desto stärker verliert sich das für mich Wichtigste an Bildung – das soziale Lernen in einer Wissensvielfalt, die unterschiedliche Wissens- und Menschbilder zulässt. Für den Praxistest heißt das, dass junge Menschen, die nur Kostensenkung und Rentabilität hören, für eine alternde Gesellschaft nicht unbedingt eine passende Antwort haben. Wir müssen junge Menschen ermutigen und nicht entmutigen, wieder mehr eigene Wege zu gehen. Egal, ob sie nach dem Abschluss eine handwerkliche Ausbildung machen oder Swahili lernen, wir brauchen sie als Gesellschaft alle. Dieser Bildungspragmatismus nach dem Motto – ich studiere nur das, womit ich später etwas anfangen kann und viel Geld verdienen kann – wird scheitern, weil er auf viele Entwicklungen in der Welt überhaupt keine Antworten hat.

Deutschland wird durch Zuwanderung glücklicherweise immer bunter. Diese Zuwanderung wird uns aber dauerhaft nur helfen, wenn junge Menschen hier auch die nötigen Sozialkompetenzen entwickeln, um mit dieser Vielfalt umzugehen und neue Räume für das Miteinander schaffen. Voneinander lernen heißt, sich als Gesellschaft nach vorne zu entwickeln. Voneinander lernen kann man aber nur in einer Vielfalt, für die man offen bleibt. In einer solchen Lernkultur können Betriebswirtschaftler von Theologen lernen, vermischen sich in Unternehmenskulturen mittelfristig die Köpfe und Ideen verschiedener Menschen. Bildung heißt Kooperation nicht Konkurrenz.

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