WortzumFreitagWer in diesen Tagen morgens mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fährt, wird vermutlich mehr als einmal Gesprächsfetzen von besorgten Eltern und gestressten Schülern mitbekommen. Ja, es geht wieder los, der Abistress. Oder hat er gar nicht aufgehört? Und hört er nie auf? Man müsste ja schon das Abitur abschaffen, aber wie sonst sollte man den Leistungsgedanken der Gesellschaft aufrechterhalten?

Die Jugend von heute darf doch nicht nur gekuschelt werden. Sie muss sich außerdem bilden, bilden, bilden. Scheitern ist nicht erlaubt, weder gestern noch heute. Das Abitur stellt eine wirkliche erste Wegmarke der Leistungsgesellschaft dar, bewertet Generationen von Schülern, selektiert sie in sehr gute, gute und weniger gute Schüler. Und trotzdem fragen sich viele nach dem Abitur: Wer bin ich und was will ich überhaupt im Leben?

Gesellschaftsdenken statt Desinteresse?

Nein, die Schule formt ja mehr oder weniger die Persönlichkeit der Jugendlichen, genauso wie es Eltern in der Regel noch tun. Leider ist da noch die komplexe Wirklichkeit draußen, das sogenannte kalte Wasser, das nicht wenigen nach dem Abitur Probleme bereitet. Da rufen draußen vor der Tür Marktschreier: „Wir brauchen Ingenieure!“ Sie verschweigen, dass die Abbruchquote bei entsprechenden Studiengängen seit Jahren konstant hoch ist, die Selektion brutal. Andere wiederum rufen laut: „BWL! Denn Jobs entstehen nur noch in der Wirtschaft.“ Gleichzeitig ist der Pflegebereich unterbesetzt, kommt unsere Gesellschaft ohne ausländische Fachkräfte längst nicht mehr aus. Und dann gibt es da noch eine dritte Gruppe, die Ignoranten: „Musst du halt selbst wissen, was du aus deinem Leben machst.“

Ja, das ist wohl irgendwie so, zeigt aber auch, dass sie sich nicht wirklich mit der Frage auseinandersetzen wollen. Dabei ist die Frage nicht nur für junge Menschen wichtig, sondern für die ganze Gesellschaft. Und wenn es da keine Leitplanken mehr gibt, das desinteressierte Schulterzucken einer egoistischen Selbstverwirklichungsgeneration zur vermeintlich liberalen Maxime wird, hat die Gesellschaft aufgehört, sich für die Gesellschaft zu interessieren.

Wertebildung statt sozialer Inkompetenz?

Wir können im reichen Deutschland hervorragende Autos bauen, auch weltweit nachgefragte Maschinen und vieles mehr, aber wir haben keine Zeit mehr dafür, einen genaueren Blick auf die zu werfen, die in unsere Perfektion mal hineinwachsen sollen. Wenn das Abitur wirklich eine Reifeprüfung wäre, dann würde man der Profil- und Wertebildung junger Menschen wieder mehr Aufmerksamkeit schenken. Dann bräuchte sich die Gesellschaft auch später nicht über mangelnde soziale Kompetenzen junger Generationen beklagen, denn die Schüler sind nur so gut wie ihre Lehrer.

Was soll man denn noch teilen, wenn man niemanden zum Mitteilen hat? Das Abitur ist keine Reifeprüfung. Wer Glück hat, reift später noch in dieser Gesellschaft, aber das kommt maßgeblich auf die Menschen an, die junge Menschen wirklich auf ihrem Lebensweg begleiten und sich für sie interessieren.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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