soziales_schuleDer Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) Horst Hippler hat vor wenigen Wochen auf die unzureichende Ausstattung der Hochschulen hingewiesen und die Wiedereinführung von Studiengebühren gefordert (Quelle: SZ). Bei den vielen maroden Universitäten in Deutschland und dem allgemeinen Sparzwang an Hochschulen ist die Forderung verständlich. Sie ist nur reichlich kurz gedacht und berücksichtigt überhaupt nicht die Realität vieler Studenten.

Steigende Mietpreise in attraktiven Universitätsstädten, unverschämte Provisionsforderungen durch Makler oder Vermieter sowie hohe Lebenshaltungskosten zwingen schon heute die meisten Studenten dazu, nebenbei zu jobben. Das führt häufig zu einer Verlängerung der Regelstudienzeiten. Viele Studenten stopfen heute bestimmte Wochentage mit Veranstaltungen so voll, damit sie wenigstens für ein oder zwei Tage in der Woche Zeit haben, das Studium mit einem Nebenjob finanzieren zu können.

Wirtschaft und Gesellschaft im Spannungsfeld der Bildung

Laut OECD-Bildungsbericht 2014 verdienen Akademiker später im Beruf 74 Prozent mehr als Fachkräfte ohne Hochschul- oder Fachhochschulstudium. Sollte diese Zahl in etwa stimmen, heißt das, dass Akademiker nachträglich auch weit höher an der Finanzierung der gesellschaftlichen Gemeinkosten und Umlagen beteiligt sind.

Es hat daher etwas mit Generationengerechtigkeit zu tun, junge Menschen nicht wieder mit Studiengebühren zur Kasse zu bitten. Diese erneute Belastung würde viele zukünftige Schulabgänger von einem Studium abhalten. Die eigentlichen Profiteure des weit verzweigten und gut differenzierten Bildungssystems in Deutschland sind nämlich Wirtschaft und Gesellschaft. Bildung ist längst zu einer Standortfrage geworden. Wer am Standort Deutschland weiterhin interessiert ist, der sollte sich an dem lange Zeit gut funktionierenden Konsens in unserer Gesellschaft orientieren, dass die Starken die Schwachen schultern sollten.

Später werden die Starken nämlich zu den Schwachen und profitieren dann ihrerseits von den Generationen, die sie unterstützt haben. Nur so funktioniert der Generationenvertrag. Dass wir heute kaum mehr Erwerbsbiografien haben, die nahezu fünfzig Jahre Sozialbeiträge entrichten werden, ist nicht die Schuld der jungen Generationen. Es ist die Rationalisierung oder Auslagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland, die die Wirtschaft zu ihren Gunsten in einem international stärkeren Wettbewerb für notwendig befunden hat. Es ist das digitale Zeitalter, das viele Jobs, die früher von der Mittelschicht verrichtet wurden, hat überflüssig werden lassen und das neue geschaffen hat, die elementar mit Bildung zu tun haben.

Zukunft anders denken

Wir müssen den Bildungsstandort in Deutschland also stärken und die bei der Hochschulfinanzierung zur Kasse bitten, die von gut ausgebildeten Generationen später am meisten profitieren. Das ist der Mittelstand, das sind große Unternehmen, die ähnlich zum Solidaritätszuschlag mit einem umsatzorientierten, prozentualen Bildungszuschlag die kritische Haushaltslage der Hochschulen lindern könnten. Der DGB hat diese Bildungsabgabe gefordert, auch die Partei der Piraten. Sie sind recht schnell dafür zurechtgestutzt worden. Neue Ideen haben es eben schwer.

Bildung geht aber nicht billig. Bildung ist nachhaltige Wertschöpfung und verdient nachhaltige Wertschätzung. Ich höre allerdings gleich schon viele aufschreien, die sagen, dass die Wirtschaft mit weiteren Steuern nicht mehr belastet werden dürfe. Der Solidaritätszuschlag zur Finanzierung der Deutschen Einheit ist heute so unbeliebt und wird angesichts einer maroden Infrastruktur in vielen westlichen Regionen als ungerecht empfunden. Bei der Bildungsabgabe sähe die Förderung anders aus. Leistungsstarke Kinder aus sozial schwächeren Familien könnten so studieren und eine Chancengerechtigkeit in ihrer akademischen Ausbildung erfahren.

Wer Kindern und jungen Menschen stattdessen dauernd vorhält, dass sie kosten, wird sich auf Dauer nicht über eine lieblose Gesellschaft beschweren dürfen. Da die Hochschulfinanzierung größtenteils Ländersache ist, ein binnenländischer Standortwettkampf zu vermeiden ist, müsste der Anteil der Finanzierung des Bundes erhöht werden. Dagegen sollten sich die Länder nicht weiter wehren, wenn sie selbst kaum mehr in der Lage sind, die Bildungszukunft des Landes ohne Studiengebühren mitzugestalten.

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