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10 Jahre Schulreform und 15 Jahre Hochschulreform

Die Bildungsanwältin Sibylle Schwarz in einem Wort zum Freitag über Sinn und Unsinn von Schul- und Hochschulreform:

Die Alten hatten eine Idee: Künftig sollte es in Deutschland jüngere Abiturienten und jüngere Berufsanfänger geben.

Nach der deutschen Wiedervereinigung blieben einige Bundesländer bei ihrem bewährten Konzept: Abitur nach 12 Schuljahren. In den westdeutschen Bundesländern begannen die Alten über das DDR-Überbleibsel nachzudenken. Beginnend ab Schuljahr 2004/2005 wurde in vielen Bundesländern die Gymnasialzeit verkürzt. SchülerInnen erreichen das Abitur nicht mehr wie Jahrzehnte üblich nach 13 Schuljahren, sondern nun nach 12 Schuljahren. Die Zeit im Gymnasium wurde von 9 Jahren (Klasse 5-13) auf nunmehr 8 Jahre verkürzt (Klasse 5-12), daher auch der Name G8.

Im Juni 1999 saßen die Alten in der altehrwürdigen Universität von Bologna zusammen und entschieden, das die Staaten in Europa ihre Hochschulen reformieren und eine neue Studienstruktur einführen sollen, daher auch der Name Bologna-Prozess. Es ging den Alten überwiegend darum, Studienabschlüsse zu vereinheitlichen, die Studiendauer zu verkürzen und mehr Praxisbezug ins Studium Einzug halten zu lassen. Die neuen, in Europa einheitlichen Abschlüsse sind nun Bachelor und Master, und nicht mehr wie Jahrzehnte üblich Diplom und Magister. Die Regelstudienzeit der meisten Studiengänge wurde deutlich verkürzt, heutzutage soll ein (Bachelor-) Studium in 7, höchstens 8 Semestern absolviert sein.

Der Bildung letzter Ausweg?!

Die Alten hatten Ideen, aber auch Weisheit? Im Jahr 2014 blicken wir auf 15 Jahre geänderte Studienstrukturen und für die meisten Bundesländer auf 10 Jahre G8 zurück.

Als Rechtsanwältin im Bereich Schul- und Hochschulrecht habe ich in den letzten Jahren viel gehört. Fast alle Eltern sind der Meinung, dass ihr Kind in der Schule Zeit brauche, außerdem solle das Kind auch etwas von seiner Kindheit haben. Eltern wählen deswegen überwiegend G9  – also eine gymnasiale Schulzeit von 9 Jahren Dauer. Wie früher. In den letzten Jahren mussten allerdings diese Eltern mit ihren Kindern auf Gesamtschulen ausweichen, nur diese boten Abitur nach 13 Schuljahren an. Die Alten sind mittlerweile bei einer Rolle rückwärts angelangt. G8-Schulen in vielen Bundesländern dürfen zu G9 zurückkehren. Wie früher.

Auch Studierende klagen mir ihr Leid, vor allem junge Leute mit Bachelor-Abschluss. Die Uniabsolventen sind deutlich jünger als früher, einige aber ohne Job und ohne Master-Studienplatz. Der Bachelor-Abschluss wird als erster berufsqualifizierender Abschluss gesehen, er soll den Regelabschluss darstellen und einen direkten Berufseinstieg ermöglichen. Der Master-Abschluss hingegen wird als weiterer berufsqualifizierender Abschluss betrachtet, er soll besonders qualifizierten Studierenden vorbehalten sein. Deswegen stehen in Master-Studiengängen nur wenige Studienplätze zur Verfügung. Im Sommersemester 2014 kamen in einem beispielhaften Master-Studiengang 178 Bewerbungen auf 50 Studienplätze. Die Alten wollen es so.

Der Weisheit letzter Schluss?!

In diesem Monat konnten wir in einer Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach (5. Allensbachstudie – Studienbedingungen 2014) und im Bildungsbericht 2014 nachlesen, ob die Alten wirklich Weisheit haben: „[So] sind Absolventinnen und Absolventen mit allgemeiner Hochschulreife mit durchschnittlich 19,4 Jahren ein halbes Jahr jünger als diejenigen des Jahres 2007. Das Ziel, die Jugendlichen über die Einführung der verkürzten Gymnasialdauer (G8) früher zum Abitur zu führen, wurde folglich erreicht. (Quelle: Bildungsbericht 2014, Seite 94) Die G8-Gymnasien sind vielerorts in der Abwicklung, folglich werden die Abiturienten wieder älter. Wie früher.

Denn 61 Prozent der heutigen Bachelor-Studenten planen, im Anschluss an den Bachelor noch einen Master-Abschluss zu machen. […] 73 Prozent von ihnen geben zu Protokoll, dass sie sich mit einem Master bessere Karriere- und Verdienstmöglichkeiten erhoffen; ebenso viele erwarten, dadurch bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben“ (Quelle: Allensbachstudie, Schaubild 32, 34). „Die Bachelorabschlüsse werden zwar deutlich früher gemacht […] Dagegen zeigen erste Befunde, dass es nach dem Bachelorabschluss an einer Universität (ohne anschließenden Masterstudiengang) schwierig werden könnte, einen den traditionellen Abschlüssen vergleichbaren beruflichen Weg einzuschlagen“ (Quelle: Bildungsbericht 2014, Seite 134, 138).

Jünger, aber arbeitslos, das ist nicht der Weisheit letzter Schluss. Eine Rolle rückwärts ist angesichts einer europaweiten Umsetzung der Hochschulreform ausgeschlossen. Manche Junge werden es sehen wie Winston Churchill (1874-1965, britischer Staatsmann): Die Zukunft ist ein verfluchtes Ärgernis nach dem anderen.

 

*Zitat von Luc de Clapiers, Marquis de Vauvenargues (1715-1747), französischer Philosoph, Moralist und Schriftsteller

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