net Es gibt eine Menge Bücher darüber, wie das Internet unser Denken und Handeln verändert. Aber wie verändert es unsere Lerngewohnheiten? Dazu haben wir mit dem Medienwissenschaftler Martin Lindner gesprochen, der zu diesem Thema derzeit ein Buchprojekt plant.

Herr Lindner, was hat es mit Ihrem Buchprojekt „Die Bildung und das Netz“ auf sich?

Ich war lange Jahre Universitätsdozent und habe 2000/2001 eine Ausbildung zum „Autor interaktive Lernmedien (CBT/WBT)“ gemacht. Das war sozusagen E-Learning für das Web, mit einer Einführung in die wichtigsten Tools, um Webseiten aufzubauen und zu pflegen. Dann war ich vier Jahre lang Researcher bei den Research Studios Austria (grob vergleichbar mit den deutschen Fraunhofer Instituten) und habe mich mit „E-Learning 2.0“ und „Microlearning“ auseinandergesetzt. Seitdem bin ich Berater, Netzpublizist und Projektarbeiter für Wissens- und Lernprozesse im Web.

buch_lindner Nach 12 Jahren habe ich festgestellt, dass es kein deutschsprachiges Buch gibt, dass sich ausdrücklich mit den Veränderungen beschäftigt, die das Netz bzw. das Web für Bildung, Wissen und Lernen bedeutet. Und ich hatte inzwischen ein Netzwerk und Erfahrungen, die fast alles abdecken, von „Corporate Learning“ (in Unternehmen) über Universität bis zur Schule und dem informellen Lernen im Netz. Dann dachte ich, dass das offenbar auf mich zuläuft: Ich habe diese Querschnitt-Position und bin jemand, der noch aus einer Kultur stammt, in der man Bücher schreibt. Jemand muss dieses Buch schreiben, und es gibt nicht viele, die dazu in der Lage sind.

Aus welchem Grund haben Sie die Google+ Community „Digitale Bildung“ gegründet, die aktuell aus über 1800 Mitgliedern besteht?

Zu der Zeit hatte ich das oben erwähnte Buchprojekt ernsthaft gestartet. (Das bedeutet: Ich habe ein Exposé mit einer renommierten Agentur entwickelt, die das dann im Jahr 2013 den bedeutenden deutschen Verlagen vorschlug.) Dann hat Google plötzlich das neue Communities-Feature angeboten, und als intensiver Google Plus-Nutzer war ich einfach neugierig, wie das funktionieren würde. „Digitale Bildung“ war so etwas wie der Arbeitstitel für mein Buchprojekt. Und dann dachte ich, ich probiere das einfach mal aus, und sichere mir bei der Gelegenheit dieses Schlagwort.

Spontan habe ich die Einstellungen so festgelegt, dass neue Mitglieder, die aktiv teilnehmen wollen, sich erst anmelden müssen. Ich dachte, das filtert diejenigen heraus, die es ernst mit dem Thema meinen. Die Community hat sich dann für mich sehr überraschend entwickelt: Erstaunlich viele Leute haben sich angemeldet, und es gab sehr viel qualitätvolle Diskussionen. Spam kommt fast gar nicht vor. Google Plus scheint mir für „Communities of Interest“ mit einem gemeinsamen Themenfeld die derzeit beste Option zu sein.

Stellen, die früher Zugang zu Wissen hatten, verlieren mehr an Bedeutung

Was bedeutet für Sie der „digitale Klimawandel“? Sie haben geschrieben, dass der Wandel schleichend ist, also von den meisten nicht bemerkt wird. Aber was wandelt sich?

Die Digitalisierung und das Netz (beides ist nicht dasselbe!) verändern die Informations-, Wissens- und Kommunikationsprozesse von Grund auf. Früher war das entweder mündlich-flüchtig oder schriftlich-privat (Briefe …) schriftlich-bürokratisch (Akten, Berichte, Anweisungen …) oder schriftlich-publizistisch (als veröffentlichte, d.h. eben irgendwie gedruckte Texte). Und auch zahlenorientiertes Management war angewiesen auf schriftliche Quellen. Der PC mit Microsoft Office, Laptops, Email, SAP, die mobilen Netz-Geräte (iPads, Smartphones) und vor allem das Internet haben diese Situation grundlegend verändert.

Informationen, Wissen und Kommunikation sind nun sehr viel flüssiger, weil es nun für jede/n sehr viel schneller und umfassender möglich ist, schriftliche Inhalte (und grafische, und aufgezeichnete Video/Audio-Inhalte) in Umlauf zu bringen. Das bedeutet: Information fließt viel schneller und der Zugang ist viel schlechter kontrollierbar. Es ist viel mehr Information „in der Luft“. Alle Stellen verlieren deshalb an Bedeutung, die früher den Zugang zu Wissen, zu Information und Insider-Kommunikation geregelt haben: indem sie Zugänge beschränkt haben (etwa durch besondere Berechtigungen, zu denen eben auch Zeugnisse und Zertifikate zählen) und indem sie Wissen „vermittelt“ – d.h. nur Ausgewählten zugänglich gemacht – haben. Das betrifft etwa Buchverlage ebenso wie Bildungsinstitutionen (und viele andere auch). Dauerhafte Information war früher in gedruckten Texten (und später in PDFs und DOCs) gebunden.

Im Zeitalter des „Web 2.0“ liegt sie sozusagen „in der Luft“: in Wikipedia, in Blogs, in Inhalten, die von Google erschlossen werden, in den sozialen Netzwerken. Das hat viele Parallelen zum echten Klimawandel: Information zerfällt in flüchtige Tröpfchen, die sehr viel schneller zirkulieren, sehr viel schneller „verdunsten“ und sehr viel schneller auch wieder „abregnen“. Dadurch werden die Institutionen weicher, deren Festigkeit wesentlich durch die früheren Medienverhältnisse entstanden war: u.a. werden alle Arten von Schulen, Universitäten und anderen Bildungsvermittlern unter Druck gesetzt, sich neu zu begründen und neu zu erfinden. Dieser Prozess hat gerade erst begonnen. Es ist aber klar, dass im digital vernetzten Zeitalter die alten Strukturen auf Dauer nicht haltbar sind. (Das betrifft natürlich nicht nur Bildung, sondern auch das Musik- und Buchgeschäft, die Parteien und alle Unternehmen, die mit Vermittlung Geld verdienen. In der Ära des Internet müssen alle Vermittler neu begründen, warum es sie gibt und warum sie den Endverbrauchern nützen.)

MOOCs und OER sind nur zwei Schlagworte, die mit Bildung im Netz zusammenhängen. Inwiefern verändert das Netz unser Bildungssystem?

Man muss hier eigentlich unterscheiden zwischen drei Dingen: (1) der Digitalisierung (also den Daten), (2) dem Internet (also der universalen Zugänglichkeit und Flüssigkeit digitaler Information) und (3) dem Web (also einem Ökosystem, in dem alle publizieren, d.h. die Trennung von wenigen Gatekeepern und dem passiven „Publikum“ ist tendenziell aufgehoben). Bildung ist auf allen drei Ebenen betroffen:

  1. die Daten: der Zugriff der Bildungsinstitutionen auf jede einzelne Lernaktivität wird immer totaler, die der Prüfungs- und Punktewahnsinn immer umfassender
  2. das Internet: jede/r kann zu jeder zeit, an jedem Ort, zu jeder Zeit „lernen“, d.h. Bildungsleistungen erbringen, die sich direkt auszahlen (weil man etwas besser kann) und/oder indirekt (weil ich Punkte und Zertifikate bekomme)
  3. das Web: alles, was ich wissen will und muss, wird zunehmend im Web sein, als Text oder als Video (oder als Grafik, oder als Podcast). Und zwar aktueller und genauer, als mir das die lehrende „Autorität“ vermitteln kann.

MOOCs sind im Grunde die Entdeckung, wie Lernen (und Lehren) im Web eigentlich sein könnte: mit Videos (à la Youtube), mit offenen Inhalten (in der Art von Blogs und Wikis), mit sozialen Netzwerken (als „Learner generated Content“). Der Kern von MOOCs sind eigentlich nicht die Daten (und die dadurch ermöglichte Automatisierung und Personalisierung) – wir wissen viel zu wenig über reale Lernprozesse, um sie mit Daten zu messen oder gar zu steuern.

Der Kern ist auch nicht das Internet (jede/r, an jedem Ort, zu jeder Zeit) – das war bereits das Versprechen des E-Learning um 1999/2000, und es ist schrecklich gescheitert, weil die Verbreitung von Inhalten nicht dasselbe ist wie das Verständnis von Lernprozessen im Netz. Der Kern ist vielmehr das Web: Das Begeisternde an MOOCs ist eigentlich die begeisternde Entdeckung von „Weblernen“, also dem, was vor allem die Open Source-Community seit 10 oder 15 Jahren ausprobiert und erfahren hat. Durch das „Web 2.0“ hat sich das potenziert: also durch die Möglichkeit auch für Nicht-Geeks, Inhalte im Netz zu produzieren, zu teilen und anzureichern. OER (also offene Bildungsinhalte) sind nach meinem Verständnis nichts anderes als alle die Web-Inhalte, die offen zugänglich sind für alle und die geeignet sind, um Wissen aufzubauen und Lernprozesse zu unterstützen. Der entscheidende Punkt ist also eigentlich „Weblernen“, d.h. Lernprozesse und Wissensaufbau unter den Bedingungen des Web.

Goethe, Liebig, Einstein und Brecht hätten das Web geliebt

Ist das Internet für Sie primär eine Erfindung, die aus Gründen der Bildung und des Wissenserwerbs gegründet wurde? Wenn ja, wie können wir diese Idee bewahren?

Das Internet entstand um 1970 aus der frühen Programmierer-Kultur, die tatsächlich ihr Wissen teilen wollte. Wichtiger für uns ist allerdings das World Wide Web, das um 1990 am CERN, dem Kernforschungszentrum in Genf, von dem idealistischen Physiker Tim Berners-Lee (und wenigen Kollegen) entworfen wurde. Das Web ist derjenige Raum innerhalb des Internet, in dem jede/r Akteur/in Inhalte (Texte, Grafiken, Audio, Video) für die ganze Welt publizieren und in dem dann jede/r durch Links auf solche Inhalte direkt verweisen kann. Das ist natürlich genau das, was den Geist der Bildung bereits im 19. Jahrhundert ausmachte: Goethe, Liebig, Einstein und Brecht hätten das Web geliebt. Wie können wir diesen Geist der Bildung, der Selbstermächtigung und des Wissenserwerbs bewahren? Zuerst dadurch, dass wir das offene Web bewahren: also die Standards, die es „offen“ machen, und die Technologien, die alle Konsumenten mit nur einem Klick zu Produzenten machen.

In dem Exposé für Ihr Projekt, „Bildung für alle“, beschreiben Sie, das Ihre Tochter denselben Unterricht bekommt wie Sie selbst damals …und in Teilen sogar wie Ihr Großvater. Warum verändert sich das System Schule so schleppend?

Schwierige Frage. Erstens hat sich das System Schule schon verändert. Mein Vater war ein sehr engagierter Gymnasiallehrer, der 1961, also im Jahr meiner Geburt, anfing, praktisch zu arbeiten. Mein Großvater wurde in den 1910er Jahren noch traumatisiert mit Prügeln und militaristischem Schul-Drill. Mein Vater erlebte zwischen 1941 und 1950 eine Schule, die nicht so viel anders war. Seine Schule wurde dann 1965/1966 revolutioniert, bis ich selbst 1970 auf das selbe Gymnasium kam, an dem mein Vater lernte.

Zweitens: Diese Schule, die ich kennenlernte (also ca. 1971 – 1979), hat sich dann aber tatsächlich kaum noch verändert. Was meine Tochter, die jetzt 17 ist, in der Schule erlebt, ist im Grunde genau das, was ich in den 1970ern erlebte. Das ist überhaupt nicht traumatisierend für die, die ins System passen, aber es hat mit der „Welt da draußen“ noch weniger zu tun als zu meiner Zeit, und da war es schon sehr wenig. (Aber wir hatten mehr Zeit und Spielraum, uns anzupassen.)

Würden Sie Leuten wie Richard David Precht zustimmen, die von einer Bildungsrevolution sprechen? Die also der Meinung sind, dass das System Schule und unser Verständnis von Bildung radikal erneuert werden müssen?

Das Gefühl, dass unser Bildungssystem sich immer weiter von der Wissenswelt, in der wir leben, entfernt, ist tatsächlich allgegenwärtig. Wenn man auf die Straße geht, wird man kaum jemanden finden, die/der sagt, dass Schule und Universität gut auf das Leben in der digitalen Wissensgesellschaft vorbereiten. Insofern würde ich Precht & Co. zustimmen.

Was mich misstrauisch stimmt, ist der idealistische Tonfall, der dort herrscht. Es ist wahr, dass dass das Web tendenziell in dieselbe Richtung zielt wie die Reformpädagogik, aber umgekehrt stimmt das nicht. Die Reformpädagogik ist zwar besser als die bestehende Normalpädagogik, aber weit davon entfernt, die Lernenden wirklich ins Zentrum zu rücken. Nicht erst die Skandale um sexuellen Missbrauch haben gezeigt, dass auch die traditionelle Reformpädagogik, wie sie sich seit 1910 – 1935 entwickelt hat, viel zu sehr auf Autoritäten und charismatische „Führung“ setzt. Eine ernsthafte Web-Pädagogik würde auf eine Weise ernst machen mit der Ermächtigung der Wissenswollenden, wie sie vor dem Web gar nicht denkbar war.

Welche Antworten können wir in Ihrem Buch erwarten? Wollen Sie Antworten geben?

Ja, ich will Antworten geben. Und sie werden in zwei Kategorien fallen:

  1. Ich glaube, dass ich zeigen kann, dass „Bildung für das digitale Zeitalter“ grundsätzlich anders werden wird, als wir es bisher gewohnt sind. Das liegt quasi in der Natur der digitalen Web-Medien.
  2. Es ist kompliziert. Bildung hat ja in Wahrheit viele, sich überlagernde Funktionen. Das tatsächliche Lernen ist nur eine davon, und vermutlich nicht mal die wichtigste. Bildung spielt eine fundamentale Rolle, wenn es darum geht, unsere Kultur und Gesellschaft zusammenzuhalten, weil unsere Kinder in einem einheitlichen System sozialisiert werden. Wie viel und wodurch sie tatsächlich dabei lernen, ist eine ganz andere Frage. Die Digitalisierung und das Web verändern diese Situation ganz sicher grundlegend, aber es ist sehr schwer vorauszusagen, was sich daraus ergeben wird. Ich werde am Ende dieses Buchs eine solche Voraussage wagen, aber ich weiß noch nicht genau, wie sie lauten wird.

Lindner
Martin Lindner

Martin Lindner ist promovierter und habilitierter Kommunikationswissenschaftler. Seit 2000 bloggt, twittert und textet er an vielen Stellen im Netz. Immer geht es um E-Learning, Wissensvermittlung im Netz und Digitale Bildung. Genau darum hat er die gleichnahmige Google-Community gegründet und schreibt nun darüber ein Buch, welches er mittels Crowdfunding über Startnext finanzieren möchte. Außerdem ist er Consultant und Partner bei wissmuth.de (wissen|visuell|sozial). Wissmuth konzipiert und realisiert Web 2.0-Wissensumgebungen für Institutionen und Unternehmen. Seine Schwerpunkte dort sind – wenig verwunderlich: Wissensarbeit, Informationsflüssen und Lernprozesse im Netz.

Autor bei GooglePlus

VN:F [1.9.22_1171]
Diesen Artikel bewerten
Rating: 0.0/10 (0 votes cast)