KolumneJosef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, warnte jüngst vor einer „totalen Computerisierung“ des Schulunterrichts. Die Umstellung auf digitale Lernkulturen in Schulen geht dabei noch immer langsamer vonstatten als Internetaufbauverbindungen auf dem Land. Das digitale Klassenzimmer sehen viele als Furcht erregende Orwellsche Vision an, bei der das soziale Miteinander im Klassenraum nicht mehr gefördert werde. Manche sagen gar, dass diese Umstellung das Ende der Pädagogik bedeute.

Chancen und Risiken des digitalen Unterrichts

Wir stellen uns eine Klasse von Nerds vor, von Computerfreaks, die sich Stunde für Stunde Lerninhalte ertippen, brav nebeneinander sitzen und den Lehrer in Ruhe lassen. Wir stellen uns eine Klasse von Ruhestörern vor, die Stunde für Stunde Lerninhalte vom Fachlehrer mehr oder weniger aufnehmen, unbrav nebeneinander sitzen und dem Lehrer keine angenehme Stunde bereiten. Das erste Szenario erinnert an Eltern, die ihre Kinder den halben Tag vor dem Fernseher platzieren, damit sie in Ruhe gelassen werden. Das Bild wirkt lieblos, oder? Das zweite Szenario strahlt unterdessen nicht freundlicher, weil es eine Parallelkommunikation zeigt, bei der Lerninhalte bei den Schülern überhaupt nicht ankommen.

Diese extreme Zuspitzung kann vielleicht zeigen, dass in der Diskussion Computer nicht gegen Lehrer ausgespielt werden sollten, weder Computer noch Lehrer allein die Lösung modernen Unterrichts darstellen, sondern beide im 21. Jahrhundert stärker zusammenrücken sollten. Der Alltag junger Menschen heute ist einfach digital, ganz gleich, ob wir das wollen oder nicht. Das Risiko, dass die Schule ihren Wert als sozialer Lernort zugunsten „bildschirmgaffender“ Individuen“ verliert, ist nicht zu verkennen. Jedoch lassen sich mit dem Computer in Gruppenarbeit gute Lernkonzepte erarbeiten, die die Teamarbeit mit dem Alltagsmedium stützen können. Die Arbeit am Computer kann eine wertvolle didaktische Hilfe sein, und vergessen wir nicht, dass Lehrer Schüler bereits früher, wenn sie kein Programm hatten, haben Filme gucken lassen.

Digitale Hochschule und Berufsleben

Digitale Lernplattformen wie Moodle sind an vielen Hochschulen längst Alltag und überbrücken Zeit- und Raumprobleme. Das E-Learning gilt als flexible Alternative, die Studenten individuelle Lernzeiten bei knapper werdenden Zeitressourcen ermöglicht. Powerpoint-Präsentationen und der sichere Umgang mit Excel und Word gelten heute im Berufsleben als eine Selbstverständlichkeit, sodass zunächst einmal nichts daran falsch sein kann, wenn junge Menschen sich früh damit auseinandersetzen. Genauso wahr ist aber auch, dass Lehrer und Hochschullehrer im 21. Jahrhundert dadurch nicht ersetzbar werden, weil sie Fehler im selbständigen Lernen korrigieren können und weiterhin eine Vermittlungskompetenz darstellen, die nicht verzichtbar ist.

Wenn Studenten allein auf digitalen, autodidaktischen Straßen fahren, kommt es nicht selten zu strukturellen Wegirrtümern und falschen Wissensaneignungen, die später nur schwierig zu beheben sind. Daher bleibt die enge didaktische Begleitung des Dozenten notwendig. Im späteren Berufsleben arbeitet man auch nicht in einem sozialen Vakuum, sodass das Lernen in Gruppen nach wie vor wichtig bleibt. Im Gegensatz zum Plenum geben digitale Plattformen nämlich keine ausführliche Rückmeldung auf das, was man präsentiert hat.

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