Business Finish LineIn den Medien kursieren jährlich Berichte, wonach die Wirtschaft sich entweder darüber beklagt, bestimmte Stellen mangels Bewerberqualifikationen nicht besetzen zu können oder von einem Fachkräftemangel spricht, der durch den demografischen Wandel hervorgerufen werde und Unternehmen in eine schwierige Situation bringe.

Diese Klagen scheinen mit Blick auf eine hervorragend ausgebildete Bewerbergeneration unbegründet. Umgekehrt hören wir von Bewerberkämpfen, von Absagen, die junge Menschen mitunter in die pure Verzweiflung treiben. Dass der Arbeitsmarkt eine launische Diva ist, kann als Begründung nicht reichen. Herrscht nun in Deutschland ein Fachkräftemangel für bestimmte Positionen oder gibt es einen harten Wettbewerb um zu besetzende Stellen?

Stellenausschreibungen und Vakanzen

Zunächst einmal muss man den Blick auf die Stellenausschreibungen richten, will man der Frage auf den Grund gehen. Die Unternehmen schreiben Anzeigen aus, die sich an ungelernte und gelernte Kräfte richten. Je nach Qualifikationsniveau der ausgeschriebenen Position und des offenen Arbeitsplatzes engt man die Kandidatenwahl mehr oder weniger ein. Wer sich mit dem Arbeitsmarkt etwas genauer beschäftigt, wird feststellen, dass sich ein nicht geringer Teil der Anzeigen prinzipiell an interne Bewerberkandidaten richtet oder eine reine Marketinganzeige des Unternehmens ist, sodass die Stelle im eigentlichen Sinne nicht vakant ist.

Es ist für Bewerber häufig kaum entschlüsselbar, solche Anzeigen zu erkennen. Mitunter dienen diese Anzeigen auch dazu, Druck auf Mitarbeiter auszuüben, die diesen Tätigkeitsbereich bereits ausfüllen. Irgendwann verschwinden diese Anzeigen dann vom Netz. In den seltensten Fällen bekommt der Bewerber nach der Absage mit, ob und von wem nun die Stelle besetzt wurde.

Fachkräftemangel – Mythos oder Realität?

Entsprechend kann man den Statistiken über offene Stellen kaum Glauben schenken. Während man den demografischen Wandel kaum leugnen kann, bleibt die Frage offen, wie viele Stellen heute in Rationalisierungsprozessen und unter Kostendruck überhaupt entstehen. Viele Arbeitsplätze entstehen außerdem in der Leiharbeit, die temporär Engpässe überbrücken kann, Belastungsspitzen ausgleichen kann, aber jungen Bewerbern kaum eine nachhaltige Perspektive bieten kann.

Ebenso jährlich hören wir vom Fachkräftemangel beispielsweise in den Ingenieursberufen und müssen gleichzeitig zur Kenntnis nehmen, dass gerade in diesen Studiengängen die Abbrecherquote konstant hoch bleibt, die Studenten hier regelrecht durchgeprüft werden, sodass am Ende nur eine Hand voll Ingenieure übrig bleibt, die fit für den Arbeitsmarkt ist. Ob der Fachkräftemangel eine Realität darstellt, bleibt daher zweifelhaft.

Bewerberkämpfe in Zeiten der knappen Ressource Arbeit

Es sieht daher eher so aus, dass die Ressource Arbeit knapper geworden ist, der Arbeitsmarkt für Bewerber hart umkämpft ist. In keiner anderen Generation hatten junge Kandidaten so gute Qualifikationen wie heute. Studenten haben vor ihrem Bachelor- oder Masterabschluss meistens mehrere Praktika absolviert, Erfahrungen sammeln dürfen und einen prestigeträchtigen Abschluss. Dennoch bleibt ihnen der Zugang zum Arbeitsmarkt zu Beginn der Bewerberzeit häufig verwehrt. Je nach Profil und Anforderungen der Stellen erleben sie erste Frustrationserlebnisse.

Für manche ist der Weg in die Selbständigkeit ein Notausgang, andere wiederum absolvieren nächste Praktika und erleben die Situation auf dem Arbeitsmarkt gerade wegen der konjunkturell guten Lage als persönliches Scheitern. Chancen bekommen mit der Zeit diejenigen, die frühzeitig Netzwerke aufgebaut haben und ihr Wissen frisch halten. Denn der demografische Wandel mit seinen Folgen kommt bestimmt, sodass sich für viele Unternehmen zwangsläufig die Frage aufdrängen wird, wie sie zukünftig mit der Ressource Arbeit denken umzugehen.

 

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