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Lehrer gehen ständig auf ihre Schüler ein und vergessen dabei häufig sich selbst. Anfang des Jahres erschien ein Arbeitsheft, welches Lehrer fit für die Schulpraxis und den Lehrberuf machen möchte. Pflichtlektüre für alle Pädagogen?

Fit im Lehrberuf“ von Dr. Reinhold Miller ist im Schulwerkstatt Verlag erschienen und als Arbeitsheft konzipiert. Es beinhaltet grundlegende Informationen, Reflexionen und Aufgaben, die Lehrer allein oder gemeinsam (in Kollegien, Teams, Supervision oder Steuergruppen) durcharbeiten können. Die 30 Module beinhalten Themen wie: Selbstsicherheit gewinnen, sich und andere verstehen, Gesunderhaltung, Schutz vor verbalen Angriffen, Umgang mit Störungen usw. Laut Autor braucht man nur drei Dinge, um zu starten: Selbstmotivation (an sich selbst zu arbeiten), Zeit (zum Wahrnehmen und Üben) und KollegInnen (als Gesprächs- und Trainingspartner).

Näher an der Praxis geht es kaum

Bemerkenswert ist, dass Miller nirgendwo zu etwas auffordert. Es geht ihm darum, etwas freiwillig zu tun, quasi aus sich heraus. Miller möchte nur die Möglichkeiten bieten, sich mit dieser Thematik auseinander zu setzen – mehr nicht. Exemplarisch verdeutlicht er dies, indem er Appelle strikt ablehnt. Miller möchte „ICHzen statt DUzen“, wie er sagt. Statt also dem Gegenüber Befehle zu erteilen, sei es sinnvoller, über sein eigenes Befinden Auskunft zu geben (also statt: „Hör auf, Blödsinn zu reden!“ lieber „Ich verstehe nicht, was du sagst!“). Miller selbst gibt an, dass alle Beispiele aus der Schulpraxis stammen. Das merkt man bereits bei den ersten Aufgaben, die davon handeln, wie die Gesellschaft auf die Aussage „Ich bin Lehrer“ reagiert oder wie man souverän mit Kritik, auch von Eltern, umgeht.

Nur ein Ratgeber, aber ein guter

Fit_im_LehrberufLeider gibt es keine Unterteilung in Gruppen- und Einzelübungen, sodass man entweder viele Einzelübungen still in einer Gruppe macht oder, falls man allein am Heft arbeitet, die Gruppenaufgaben überspringen muss. Wie jede Lektüre, welche Hilfen für Lebenssituationen geben will, sind die Ratschläge gut gemeint. Sie helfen jedoch wenig, wenn man nicht auch versucht, sie umzusetzen. Etwas knapp gehalten sind auch die konkreten Arbeitsaufträge. Der knappe Hinweis „Trainieren Sie…“ ist zwar an Lehrer gerichtet, die wissen müssten, wie sie die Sache angehen. Aber wie genau vorzugehen ist, sagt Miller nicht – vermutlich auch, um keine Appelle zu geben.

Miller stellt nicht nur die alltäglichen Probleme von Lehrkräften vor, sondern offenbart auch einige private Einblicke: Sehr schön ist die Geschichte, bei der er sich, wie so häufig, im Stau aufregt und auf das Amaturenbrett schlägt. Seine Frau, statt sich über die Wut ihres Mannes aufzuregen, macht prompt mit. Miller nutzt dieses unterhaltsame Beispiel, um das Mitschwingen „in der Welt des anderen“ vorzustellen und zu zeigen, dass dies häufig sinnvoller ist, als das Verhalten negativ zu bewerten.

Fazit

Millers Arbeitsheft ist Ansprechpartner und tröstende Stimme zugleich. Es ist Arbeitsheft und stiller „Therapeut“. Es signalisiert dem Leser: „Ich kenne deine Probleme. Ich bin auch Lehrer.“ Man merkt, dass der Autor bereits einige Jahrzehnte im Schuldienst tätig ist und dabei so manche Konfliktsituation durchstanden hat. Gerade deswegen schenkt man den Zeilen Millers so viel Aufmerksamkeit – sogar als Nicht-Lehrer.

Tipp: Hier geht es zum Interview mit Dr. Reinhold Miller auf Hauptsache Bildung.

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