schule-lernenSitzenbleiben ist eine letzte Sanktion für Schüler, die leistungsunwillig sind oder erhebliche Leistungsdefizite zeigen. Noch immer werden Noten von vielen Pädagogen an Schulen als notwendiges Mittel der Schülerdisziplinierung gesehen. Entsprechend groß war der Aufschrei, als der Bildungsforscher Professor Klaus Klemm im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung im Jahre 2010 eine Studie vorstellte, wonach das Sitzenbleiben jährlich fast eine Milliarde koste und Schülern die Motivation nehme (Quelle: Bertelsmann Stiftung).

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes sprach von „pädagogischem Unsinn“ und einer gefälligen „Abitur-Vollkasko-Politik“ (Quelle: Deutschlandfunk). Wie sehr Kraus mit diesem Begriff die leistungsorientierte Bildungsbürgerschicht anspricht, zeigt sich daran, dass er in seiner Ablehnung nur den höchsten Schulabschluss im Blick hat. Wie wenig reformbereit die Mittelschicht bei der Schulpolitik in Deutschland ist, hat Hamburg vor Jahren bitter erfahren müssen. Es ist auch verständlich, dass diejenigen, deren Kinder in der Schule einen materiellen und milieubehafteten Vorsprung haben, weiter auf Differenz und Differenzierung im Schulsystem setzen. Ist das uralte Sanktionsmodell des Sitzenbleibens aber noch zeitgemäß?

Vom Gefühl des Scheiterns in jungen Jahren

Jährlich drehen etwa eine Viertelmillion Schüler in Deutschland eine Ehrenrunde. Der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff sowie der Kabarettist Harald Schmidt gehören zu den prominenten Vertretern, die den Befürwortern des alten Modells als Beispiel dienen, dass das niemandem schade. Das sei doch lediglich ein Warnschuss, der die Schüler motivieren solle, sich im nächsten Jahr mehr anzustrengen. Von Kuschelpädagogik wird im gleichen Atemzug gesprochen und davon, dass Scheitern und Misserfolge eben auch später zum Berufsleben gehörten. Diese Argumente tragen einen wahren Kern in sich, aber sie sind auch grundlegend falsch, weil der Druck auf die Schüler nach der ersten Pisa-Studie im Jahre 2000 gewaltig zugenommen hat und die Gesellschaft sehr wohl wahrgenommen hat, dass Kinder heute nur noch mit einer guten Ausbildung langfristig Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt haben.

Die Welt der Erwachsenen ist damit vollständig in der Welt der Kinder und Jugendlichen angekommen. Angstbesetzte Eltern übertragen ihre eigenen existenziellen Ängste auf die Kinder, die dem Druck immer weniger standhalten und zunehmend mit Leistungsverweigerung protestieren. Das beginnt schon früh in den Grundschulen und zieht sich bis zum Abitur durch. Soll diese natürliche Abwehrreaktion von Kindern und Eltern wirklich noch mit dem Sitzenbleiben sanktioniert werden? Gibt es keine anderen Wege, die Kinder und Jugendlichen zu motivieren?

Mitwirkung statt Frontalunterricht

Angst kann eine ansteckende Krankheit sein. Wenn Kinder und Jugendliche zunehmend mit der Welt der Erwachsenen überfrachtet werden, wenn pädagogisch ausgebildete Lehrer keine andere Motivationslösung als das Sitzenbleiben sehen, dann sollten Eltern und Lehrer einmal gemeinsam über ihre pädagogischen Kompetenzen selbstkritisch nachdenken. Die Studie von Professor Klaus Klemm hat nämlich gezeigt, dass das Sitzenbleiben keineswegs zu Leistungsverbesserungen der Schüler führt, sondern zu Leistungsunlust und Selbstzweifeln. Es werden neue Angstgenerationen erzogen, in denen dieses Scheitern im Kopf bleibt. Eltern müssen ihren Kindern die Lust an der Leistung vorleben, nicht die Pflicht zur Leistung. Sie müssen sie an Erfolgen teilhaben lassen. Im Fußball heißt es immer so schön, dass junge Spieler Fehler machen dürfen. Warum gilt das nicht für das Schulleben? Und Lehrer müssen in interaktiven Projekten die Mitwirkung im Unterricht stärker fördern.

Die Vergabe von Noten spiegelt eine Hierarchie zwischen Lehrern und Schülern wider, hinter der sich oftmals überforderte Pädagogen verstecken, die persönlich keine anderen Modelle der Leistungsmotivation umsetzen können. Das aber ist kein Problem der Kinder und Jugendlichen, sondern ein didaktisches Problem. Der noch immer weit verbreitete Frontalunterricht in Schulen hat den großen Nachteil, dass Kinder und Jugendliche in der Schule das Lernen nicht als positive Selbsterfahrung begreifen können. Sie verkommen zu passiven Objekten, die sich am Nachmittag über Twitter, WhatsApp oder Facebook mit Selfies und anderen „ichbezogenen“ Postings aktiv das zurückholen, was in der Schule in dieser Form zu kurz kommt. Das Gefühl, da zu sein, wer zu sein, etwas zu können, dass man anderen zeigen kann. Warum sollte das nicht in der Schule möglich sein? Schüler, die verstärkt aktive Mitgestaltungsmöglichkeiten im Unterricht und im Schulleben bekommen, muss man weder motivieren noch mit schlechten Noten disziplinieren. Anerkennung und Bewertungen funktionieren auch ohne Noten.

 

 

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