Bild2Wir sind glücklich, wir sind froh. Ein Jahr geht wieder einmal zu Ende, und diesmal liegt unter dem Baum ein recht ungewöhnliches Geschenk. Das Bildungspaket für die ganze Familie. Endlich mal etwas, das nicht nächstes Jahr schon wieder weggeschmissen wird. Endlich mal ein Geschenk, das für Aufklärung sorgt.

Es interessiert nicht mehr, was die anderen bekommen haben. Es wird nicht verglichen. Es wird wieder geteilt. Das Wort Bildungsteilhabe strahlt unter dem Christbaum. Opa und Oma lesen der ganzen Familie die Frage von Kant vor: Was ist Bildung? Diese Weihnachtsbotschaft kommt an.

Habe Mut, dich deiner eigenen Bildung zu bedienen

Faulheit und Trägheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil des Bildungsbürgertums sich lieber weiter bevormunden lässt statt sich selbst zu bilden. Habe einen Lehrer, der für dich Verstand hat, so brauchst du selbst deinen nicht mehr gebrauchen. Habe einen Dozenten, der die Skripte nachliefert, so brauchst du ihm selbst nicht mehr zuzuhören. Habe einen Professor, der für dich die Doktorarbeit schreibt, so brauchst du dich selbst nicht mehr zu bemühen.

Habe Google und Wikipedia, so brauchst du nicht mehr ellenlange todlangweilige Forschungsdiskussionen zu lesen. Du hast auch nicht nötig zu denken, wenn du nur bezahlen kannst. Es ist daher für jeden einzelnen Menschen schwer, sich aus der ihm schon fast zur Natur gewordenen Bildungsunmündigkeit herauszuarbeiten. Ich aber sage euch: Habt Mut, euch eurer eigenen Bildung zu bedienen. Sapere aude!

Saab oder Audi – Die Abwrackprämie für Bildung ist gesichert

Saab oder Audi, der Losspruch der Aufklärung. Wer jetzt mit seinem Latein am Ende ist, wird sich trösten können. Die Abwrackprämie für Bildung ist gesichert. Wer noch alte Bildung hat, kann neue erwerben, in dem er die gute alte Bildung gegen die schlechte neue tauscht. Der Staat gibt ihm noch einen Fremdsprachenkurs an der Volkshochschule quasi gratis dazu. Das hat der Opa gerade deutlich vorgelesen, obgleich die Karpfengräte noch ein wenig an seiner Zunge lispelt.

Weil aber eine Petition eingereicht wurde, dass jetzt erst mal die Flüchtlinge mit den Sprachkursen dran seien, müssen sich diejenigen beeilen, die noch was mitnehmen wollen in diese neue Welt der Bildung. Belegen Sie also sofort einen Weiterbildungskurs, gehen Sie auch nicht mehr über Los und melden Sie auch als Single am besten schon Ihr Kind im Kindergarten an, das noch gar nicht geboren ist. Den Trabi musste man ja auch achtzehn Jahre vor dem Abi bestellen. Umschulungen werden jedenfalls bezahlt, obgleich lebenslanges Lernen eben auch lebenslanges Irren in der verheißungsvollen Lichterwelt der Bildung bedeuten kann. Nein, das ist jetzt böse und gehört sich nicht zu Weihnachten. Friede sei mit uns!

Aber was ist denn jetzt Bildung?

„Was ist denn jetzt Bildung? Was ist das genau?“ Jetzt kommen die Fragen der Enkelkinder, die Fragen der kommenden Generationen. Sie erinnern sich an das letzte Weihnachtsfest, da packten sie noch konkrete Dinge aus. Opa beginnt zu nuscheln, die Weihnachtsbowle schlägt langsam zu. „Ja, denkt doch mal selbst nach“, ruft er den Enkelkindern zu. „Aber das ist doch kein Geschenk, wenn man noch selbst nachdenken muss“, rufen die Kinder empört zurück. Oma übernimmt das Vorlesen. Dass aber ein Publikum sich selbst bildet, wenn man ihm nur die Freiheit lässt, ist unausbleiblich. „Was ihr heute bekommt, war früher für uns nicht selbstverständlich, ist für die vielen Flüchtlinge heute nicht selbstverständlich“, erklärt die Oma. Ringsum herrscht Schweigen.

Und weil auch die Oma allmählich beschickert ist, vergisst sie sich und flucht: „Zum Teufel mit diesem Kant. Bildung ist, was ihr von Geburt an im Leben mitbekommt, was ihr durch das Leben geschenkt bekommen habt. Man kann Bildung auch Interesse am Leben nennen. Der eine interessiert sich für das, der andere für anderes. Ihr seid also das Geschenk selbst, und das Leben bildet euch, ob ihr wollt oder nicht. Macht was draus! Und noch etwas: Auch Irrwege bilden, weil im Leben nie alles gerade läuft und die besinnliche Zeit gerade dazu da ist, darüber nachzudenken und das Beste daraus zu machen. Jetzt seid ihr aufgeklärt!“

 

 

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