KolumneAllgemeinbildung in der Schule, Fachwissen in der Ausbildung, an den Universitäten und Fachhochschulen. So einfach lautet der gemeinsame Nenner, mit dem wir heute gemeinsam rechnen. Wir haben den Begriff Bildung längst unterteilt, haben das Mittelalter mit den sieben freien Künsten Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie überwunden, neue Spezialdisziplinen wie Biologie, Physik oder auch Ingenieurswissenschaften geboren und erfinden uns in der Bildung immer neu.

Einsame Spezialisten?

Wir erfinden uns deshalb täglich neu, weil heutzutage ausschließlich das Anwenderwissen zählt. Es muss sichtbar sein, was wir wissen. Das ist nicht schlimm. Das ist verständlich. Das ist aber auch in gewisser Weise arm. Je mehr wir uns spezialisieren, desto einsamer werden wir, desto weniger können wir uns anderen mitteilen. Spezialwissen filtert und grenzt aus, verknappt gemeinsame Themen mit anderen Menschen. Es scheint so, als seien wir alle eine Zeit lang einen mehr oder weniger gemeinsamen Bildungsweg gegangen, um uns in dann in mannigfaltige Bildungs- und Wissenswelten zu zerstreuen und am Ende nicht mehr genau zu im Blick zu haben, woher wir kamen, wohin wir wollen.

Das Teilen und Mitteilen von Bildungswelten ist zu einer echten Herausforderung geworden. Erzählen Sie einem Freund einmal in der Kneipe, warum Drexlers Definition von der Nanotechnologie heute in der Forschung umstritten ist. Was meinen Sie, wie lange werden Sie mit dem Freund am Abend sitzen, der sich nebenbei noch beruflich mit dendrochronologischen Daten der Wikingersiedlungen in Haithabu befasst? Oder sehen Sie da eine Schnittmenge? Ich nicht. Eine Schnittmenge gibt es kaum mehr, und das macht uns Spezialisten in gewisser Weise ungebildet, weil wir als eigentlich sozial orientierte Menschen nicht mehr in der Lage sind, Themenschnittmengen mit anderen Menschen zu entdecken und zu erkennen.

Oder spezialisierter Einzelgänger?

Wir meinen, in unserer Bildung nach vorne zu gehen, machen aber unaufhörlich Rückschritte, weil wir mit unserem fachlichen Wissen wichtige thematische Allgemeinplätze verlieren, die stets mit der Anbindung zur Allgemeinbildung verbunden waren. Unser Fachwissen steht heute recht isoliert da. Der Punkt, warum Lehrerinnen und Lehrer heute in Schulen bei Schülern auf erhöhten Lernwiderstand in Schulen stoßen, hat damit zu tun, dass sie zunehmend mit Aussagen konfrontiert werden, dass man das ja später fürs Leben nicht mehr brauche. Da sind wir wieder beim Anwenderwissen und der Vorstellung, dass die Bildung jederzeit nützlich und sichtbar zu sein hat.

So tummeln sich heutzutage Fachexperten in Wissensnischen, bewegen sich auf Tagungen in kleinen Kreisen und verabschieden sich immer mehr aus einer Welt, die ihren Fortschritt mal aus der Teilung und Mitteilung des Wissens bezogen hat. Es ist die Welt der Lehre, die immer mangelhafter wird. Schlimmer noch als dieses scheinbare Lamento nach dem Motto – früher war alles besser – ist die Folge, dass wir durch die ständige Spezialisierung des Wissens keinen allgemeinen Blick mehr für Themen wie Ethik der Wissenschaften bilden geschweige denn wichtige gesellschaftliche Verknüpfungen anbieten können. Das führt zur Alternativlosigkeit von Forschung, von Ergebnissen und Produkten, die anwendbar sind, ohne dass es darüber eine breite Diskussion geben kann. Was am Ende herauskommt, muss marktwirtschaftlich gerechtfertigt werden, nicht mehr gesellschaftlich. Mit Grauen sehe ich schon jetzt Stimmen auf uns zukommen, die die Allgemeinbildung in der Schule zugunsten einer frühen naturwissenschaftlich technisch mathematisch ökonomischen Profilbildung verknappen wollen. Diese hanebüchene Diskussion kommt bestimmt.

 

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