Lehrerfortbildung

Viele angehende Lehrer fühlen sich durch die Hochschule nicht ausreichend auf ihren Beruf vorbereitet. Die Heraeus Bildungsstiftung bietet Coachings für Lehrkräfte, um zu erlernen wie man effektiv Teams und Arbeitsgruppen führt. Wir haben die Vorsitzende Frau Dr. h.c. Beate Heraeus gefragt, wie Lehrer zu starken Persönlichkeiten werden können.

„Lehrer schlüpfen in eine verantwortliche Vorbildrolle“

Frau Heraeus, wir stellen die beliebteste Eingangsfrage einmal anders herum: Was machen die Hochschulen bei der Ausbildung von Lehrern richtig?

Lehrer bekommen während ihrer Ausbildung schwerpunktmäßig vermittelt, wie sie aktuelles Wissen in didaktisch und pädagogisch guter Form an junge Menschen weitergeben können, natürlich vorausgesetzt, dass sie auf geeignete Dozenten treffen. Beim Eintritt ins Schulleben stellen sie dann in der Regel fest, dass ihnen die Wissensvermittlung theoretisch auch gut gelingt.

Warum benötigen schon Berufseinsteiger für ihren Start als Lehrer spezielles Coaching?

Für Berufseinsteiger entsteht nach Aussagen erfahrener Schulleiter regelrecht ein Schock, wenn sie in den Schulalltag starten. Die vielen organisatorischen Aufgaben, das eigene Zeitmanagement, die Arbeit mit unkonzentrierten Jugendlichen, die vielleicht in ihrem privaten Umfeld nicht artikulierte Probleme haben, die Zusammenarbeit mit Kollegen, davon der ein oder andere ausgebrannt und frustriert, der überforderte Schulleiter, der kaum Zeit findet für den einzelnen Lehrer.

In unseren Seminaren bereiten wir Berufseinsteiger darauf vor, weil der Schulalltag wenig Möglichkeiten bietet, diese Situationen anzusprechen und mit ihnen adäquat umzugehen. Ein besonderer innerer Druck entsteht, wenn ein Junglehrer erkennt, dass er mit der Beurteilung eines Schülers nicht nur Noten vergibt, sondern Schulabschlüsse und damit Lebenschancen einleitet.

Den Begriff „Führungskraft“ bringt man eigentlich mit anderen Branchen in Verbindung – warum ist es als Lehrer nötig mit „Führungskraft“ aufzutreten?

Pro Diversity Veranstaltung 2014Auf dem Weg von der Hochschule zum Referendariat und schließlich zum eigenständigen Unterrichten vollzieht ein angehender Lehrer einen extremen Rollenwandel. Der Lehrer schlüpft in eine verantwortliche Vorbildrolle, die er bis dahin nicht innehatte. Dieser Rollenwandel wird in der Ausbildung zu wenig thematisiert. Betrachtet man „Unterrichten“, als das Kerngeschäft von Lehrern, braucht man für dieses „geplante Instruieren“ von 30 heterogenen Schülern reichlich Führungskompetenz.

Lehrer sind eigentlich ständig in einer Führungsrolle: gegenüber der zu unterrichtenden Klasse, als Klassenlehrer zusätzlich gegenüber den Kollegen und den Eltern, als Fachbereichsleiter koordinierend, als Schulleiter gegenüber hundert Kollegen und tausend Schülern.

„Von Lehrern werden heute ganz andere Leistungen erwartet“

Im Lehrer-Coaching werden auch intensiv Gesprächsführung, Stressmanagement und Motivation behandelt. Brauchen Lehrer heute mehr von diesen Fähigkeiten?

Ja natürlich! Denn der Schulalltag ist für sie viel komplexer geworden durch all die gesellschaftlichen Entwicklungen. Durch eine größere Vermischung der Gesellschaft ist die Schülerschaft sehr viel heterogener, durch längere Aufenthaltszeiten der Schüler in der Schule findet weniger Zeit im häuslichen Bereich statt. Von Lehrern werden heute ganz andere Leistungen erwartet, ohne dass das genau artikuliert und definiert wird. In Unternehmen hat man längst gelernt, das man nur gute Ergebnisse erzielen kann, wenn man den Mitarbeiter ganzheitlich begreift und anspricht, ertüchtigt und nicht nur seine Leistung abruft.

Professionell geführte Gespräche können dazu beitragen, dass Schüler, Eltern und Lehrer zunehmend an einem Strang und nicht in verschiedene Richtungen ziehen, so wie das sehr häufig der Fall ist. Im Schüler Anzeichen für Fähigkeiten zu suchen und nicht für seine Unfähigkeit, ist das gemeinsame Ziel.

Sie möchten Lehrer von der Vorstellung abbringen, den Schullalltag allein schaffen zu wollen. Wann und wie können sich Lehrer Unterstützung holen?

Etwas allein zu schaffen, kann auch weiter das Ziel bleiben. Wenn man aber in beruflichen Fragen Hilfe sucht, sollte man sie bekommen, damit man nicht ständig an der gleichen Frage scheitert, warum es im Unterricht zu Aggression oder Unkonzentriertheit kommt und wie man damit umgeht, denn andernfalls empfindet das die Lehrkraft als eigenes Versagen.

Seit zehn Jahren bieten wir mit großem Erfolg  Lehrern unterstützende Seminare an, wo sie Zeit finden, offen über ihre Probleme zu sprechen und zugleich professionellen Rat bekommen und erleben, was Team Coaching bedeutet. Allein im Jahr 2013 haben wir mit unseren Programmen 2.000 Lehrer erreicht. Derzeit arbeiten wir an weiteren Systemen, um Lehrern ihre Zusammenarbeit mit Schülern, Kollegen, Schulleitung, staatlichen Stellen und natürlich auch Eltern zu erleichtern.

Immer mehr Lehrer steigen frühzeitig aus dem Beruf aus. Glauben Sie, dass ein intensives Coaching berufstätigen Lehrern helfen kann, wieder Freude an ihrem Beruf zu entwickeln?

Ja da bin ich mir sicher. Daneben ist natürlich aber die gesellschaftliche Anerkennung und Wertschätzung wichtig. Wir alle müssen uns bewusst werden, welche elementar wichtige Aufgabe Lehrer für unsere Gesellschaft haben. Sie haben nicht nur einen Bildungs- sondern auch eine Erziehungsauftrag: Sie bereiten die zukünftige Generation aufs Leben vor.

„Lehrer erkennen am allerbesten die Talente des Einzelnen“

Sie möchten mit Ihrem Coaching auch erreichen, dass Lehrer mehr mit Wirtschaft und Wissenschaft zusammenarbeiten. Warum muss ein Lehrer sich vernetzen?

Ein Lehrer sollte wissen, was an Aufgaben und Fragestellungen auf die Schüler später zukommt. Dann ist er selbst motivierter und kann zugleich die Schüler besser mitnehmen und führen. Er kennt am allerbesten die Talente des Einzelnen und kann ihn mit den künftigen Bedarfen in unserer Welt zusammenführen. Das wäre dann der optimale Fall!

Was wünschen Sie sich von der Politik, um es Ihnen und Ihrer Stiftung zu erleichtern, Lehrer zu Persönlichkeiten zu machen?

Vor seiner Studienfachwahl sollte ein angehender Lehrer wissen, was auf ihn zukommen wird. Zugleich sollten Fachkundige entscheiden, ob sie ihn für diese Arbeit geeignet halten. Während der Ausbildung und der Berufstätigkeit sollten Möglichkeiten der Persönlichkeitsentwicklung angeboten werden, denn wer über sich selbst Bescheid weiß, versteht auch die anderen, ihre Reaktionen und die Kommunikation mit ihnen besser.

Wichtigster Ansatzpunkt ist der Schulleiter. Ich wünsche mir, den Prozess der Schulleiterauswahl zu professionalisieren. Beginnen muss das Ganze mit der frühzeitigen Talentsuche. Dabei ist es ebenfalls wichtig auch die Chance eines Schulleitungsteams zu begreifen.

 

Frau Dr. h.c. Beate Heraeus

Frau Dr. h.c. Beate Heraeus ist ausgebildete Wirtschaftswissenschaftlerin und Unternehmensberaterin. Sie ist Vorsitzende der Heraeus Bildungsstiftung und wurde mit der Ehrendoktorwürde des Fachbereichs Fremdsprachliche Philologien der Philipps Universität Marburg für ihre besonderen Leistungen in der Förderung altsprachlicher Schulen in Hessen geehrt. Darüber hinaus ist sie seit Dezember 2012, als erste Frau, Präsidentin der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung (SGN).

Webseite: Heraeus Bildungsstiftung
Facebook: Heraeus Bildungsstiftung

Bildnachweise: © Heraeus Bildungsstiftung

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