soziales_schule

Lehrer sein, was heißt das heute? Neulich habe ich im Zug ein Gespräch zweier Lehrer mitgehört, und ja, ich weiß, man soll nicht lauschen. Es war nur furchtbar interessant, weil die Kollegen alles, was sie belastet hat, ganz offen ausgesprochen haben. Es ging um eine problematische Klasse ihrer Schule, natürlich mit Jungen in der Mehrzahl, weil Mädchen ja eigentlich lieb sind.

Leider lassen sich die Mädchen nun anstecken von der unruhigen Atmosphäre, sodass kein Unterricht mehr möglich sei. Die Lehrerin unterrichtet die Klasse 8a im Fach Deutsch, der Lehrer Mathe. Beide sprachen von der Respektlosigkeit ihnen gegenüber, beide sprachen von der großen Baustelle Erziehung, die ja heute schon zu Hause mit schwierigen Eltern anfange, und wenn da nichts geschehe, könne man kaum erwarten, dass die Schule das alles auffangen könne.

Der Lehrer ließ sich sogar dazu hinreißen, von einer total verdorbenen Generation zu sprechen, die nur Facebook und Spiele im Kopf habe, dumme Sprüche ablasse und in Mathematik nicht einmal mehr das Einmaleins beherrsche. Ich dachte mir, okay, wenn die Schüler der 8a schon für eine verdorbene Generation stehen, dann sollte der Lehrer vielleicht den Beruf wechseln oder mal ein Jahr Auszeit nehmen. Das ist eine noch heute häufig anzutreffende Wagenburgmentalität von Lehrern, die eigentlich nur eine komplett persönliche Überforderung zeigen.

Auszeit für Lehrer

Nach wie vor große Klassen, veränderte Umgangsformen der Schüler und mediale Ablenkung durch Facebook und Co. sind unbestritten hier und da ein Problem, aber insbesondere für Lehrer, die in ihrer Ausbildung noch den Frontalunterricht kennengelernt haben. Sie setzen auf Lernstandards, Curricula und steifen Unterricht und stellen das nicht in Frage. Schüler sind aber keine Lernprogramme und lassen sich heute auch nicht mehr einfach auf bestimmte Lernziele hin standardisieren. Ich hätte dem Lehrer gern zugerufen, dass es auch an Schulen Lehrer im Fach Mathematik gebe, die den manchmal schwierigen Stoff anders vermitteln können, die Klasse mit ihrer Art des Unterrichts aber mitnehmen und nicht die Nase rümpfen über diejenigen, die vielleicht etwas langsamer sind.

Der Schulleiter dürfte unterdessen schon einige Klagen über diesen Kollegen gehört haben, aber ihm sind wegen der Verbeamtung die Hände gebunden, sodass ihm nur die Chance bleibt, faule Kompromisse zu finden. Hier ist wirklich Handlungsbedarf im Schulsystem. Eine Lösung wäre, dass Schulleiter Lehrer bei solchen Anzeichen von Überforderung oder Borniertheit eine Auszeit mit Fortbildungszwang verpassen können, obgleich natürlich bei dem einen oder anderen der alte Witz gilt, dass alle Menschen außer Lehrer grundsätzlich lernfähig sind. Auch flexible Rotationskonzepte sind denkbar, wie sie der Bürgermeister des Regierungsbezirks Mitte in Berlin Christian Hanke im Jahre 2009 angedacht hat. Es wäre wünschenswert, wenn junge Lehrer früher nachrücken könnten, weil sie zumeist noch motivierter sind und vielleicht auch hier und da besser wissen, wie Jugendliche heute ticken.

Das Problem der 8a

Als die beiden nach einer halben Stunde Zugfahrt ausstiegen, fragte ich mich, was die 8a zu diesen beiden Lehrern wohl sagen würde. Sie mögen ja fachlich gut sein, aber wenn diese negative Einstellung sich in die Ferien hineinzieht, dann sind die Wunden, die sich Lehrer und Schüler dieser Klasse bereits zugefügt haben, wohl kaum mehr heilbar. Das Schuljahr dauert noch zu lang, und womöglich gibt es auch keine Chance, einen Lehrerwechsel vorzunehmen.

Das heißt, man muss sich wohl oder übel noch ein Dreivierteljahr gegenseitig quälen und nerven. Und am Ende des Schuljahrs werden die Klasse 8a als auch die vielen guten Lehrer, die diese Schule sicherlich hat, als Verlierer dastehen, weil sie im nächsten Jahr unter schwieriger gewordenen Umständen aufeinandertreffen werden und viel nachzuholen haben, denn ohne Lerninhalte und Vorgaben geht es eben auch nicht.

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