Lehrerin vor Schulklasse

Die Ausbildung von Lehrern steht schon seit Längerem auf dem Prüfstand. Ist sie noch zeitgemäß? Ist das Studium zu weit entfernt von jeglicher Praxis? Brauchen Lehrer mehr Berufsfeld- und Praxisbezug? Zahlreiche Stimmen fordern, die Lehrerausbildung völlig neu zu überarbeiten. Ob das sinnvoll ist, erklärt uns Dr. Reinhold Miller, Autor zahlreicher pädagogischer Fachbücher, im Interview.

Hauptsache Bildung: Herr Miller, wer hat sich im Laufe der letzten dreißig Jahre mehr verändert, die Schüler oder die Lehrer?

Dr. Reinhold Miller: Ersichtlich ist, dass sich beide Seiten verändert haben; wer von beiden mehr, kann ich nicht beantworten. Interessant ist zu untersuchen, welche Veränderungen festzustellen sind, z.B. im Bereich der persönlichen Entwicklung, des Lehr-/Lern- oder Sozialverhaltens.

Hauptsache Bildung: Was muss der gute Lehrer heute Ihrer Meinung nach für den Beruf mitbringen?

Dr. Reinhold Miller: Drei Kompetenzen sind für den Beruf des Lehrers unabdingbar.

  • Die Selbstkompetenz, d.h. die Fähigkeit, als Person mit sich selbst klar zu kommen, über die eigenen Stärken und Schwächen Bescheid zu wissen und reflektierend selbstständig zu handeln
  • Die Beziehungskompetenz, d.h. die Fähigkeit, in zwischenmenschlichen Beziehungen professionell zu agieren
  • Die Fachkompetenz, d.h. die Fähigkeit, als Experte in verschiedenen Fächern mit differenzierten Lehrfähigkeiten und vielfältigen Methodenangeboten zu unterrichten

Hauptsache Bildung: Bernhard Bueb und andere Pädagogen vertreten die These, dass Schüler die Autorität eines Lehrers brauchen. Müssen wir wieder zurück zu alten Lehrtugenden, damit die Lehrer selbst wieder mehr Respekt erfahren?

Dr. Reinhold Miller: Nein, keine Rückkehr, aber wir brauchen LehrerInnen, die respektvoll, wertschätzend und sozialverträglich mit Kindern und Jugendlichen umgehen. Dadurch lernen diese am besten zwischenmenschlich förderliches Verhalten.

Lehrerausbildungen sind teilweise sehr praxisfern

Hauptsache Bildung: Also fehlt der heutigen Lehrerausbildung der Praxisbezug?

Dr. Reinhold Miller: Ja. Die gesamte Lehrerausbildung und auch die Weiterbildungen sind teilweise sehr praxisfern. Zur fachlichen Ausbildung brauchen Lehrerinnen und Lehrer Lernangebote im Bereich der persönlichen Entwicklung, wie z.B. Selbsterfahrungsseminare im beruflichen Kontext. Und im Bereich der zwischenmenschlichen Beziehungen sind es Praktika und Kurse, in denen durch Interaktionen, Rollenspiele, Simulationsübungen auf den Beruf vorbereitet wird, beziehungsweise Fälle aus dem Beruf thematisiert werden. Die Schule ist keine Wissensvermittlungsagentur, in der es nur um Lehrinhalte geht.

Hauptsache Bildung: Inwieweit müssen soziale Kompetenzen der Lehrer bei einem wachsenden Teil von Schülern mit Migrationshintergrund aufgebessert werden?

Dr. Reinhold Miller: Ob Migrationshintergrund oder nicht: LehrerInnen müssen grundsätzlich fähig sein, mit allen Personen der Schule (Kinder, Jugendliche, Erwachsene – einschließlich der KollegInnen und Eltern) sozialkompetent umzugehen, was bedeutet, differenziert wahrzunehmen sowie fair und unvoreingenommen zu interagieren.

Hauptsache Bildung: Häufig klagen Lehrer darüber, dass die Schüler von heute in einigen Punkten anders seien. Sie seien etwa wesentlich weniger konzentriert. Teilen Sie diese Ansicht?

Dr. Reinhold Miller: Natürlich sind die SchülerInnen heute anders. Es wäre „schlimm“, wenn das nicht so wäre. Deshalb ist es von großer Bedeutung, die Kinder und Jugendlichen in ihrem Verhalten genau zu beobachten, Lern- und Leistungsstandserhebungen durchzuführen, um über den „status quo“ der jeweiligen SchülerInnen Bescheid zu wissen. Nur wer SchülerInnen in ihrem Verhalten und ihrem Leistungsstand kennt, kann sie professionell unterrichten.

Hauptsache Bildung: Warum ist das Burnout-Syndrom eine besondere Gefahr für Lehrer? Liegt es vielleicht daran, dass die Arbeit mit Menschen insgesamt schwieriger geworden ist? Oder gibt es im Lehrberuf noch ein spezifisches Problem?

Sind Schüler heute tatsächlich anders?

Dr. Reinhold Miller: Dazu gibt es dreierlei zu sagen:

  1. Die jüngsten Schulkinder sind etwa fünf Jahre alt, die ältesten LehrerInnen etwa 65 Jahre, biologisch ein Unterschied von 60 Jahren und drei Generationen, soziologisch heute etwa acht Generationen. Hinzu kommt, dass kein anderer Sozialberuf es mit Gruppen von 25 bis 30 SchülerInnen zu tun hat. Die Schwierigkeiten sind dadurch vorprogrammiert.
  2. LehrerInnen unterrichten für sich selbst „gesundheitsschädlich“ und unprofessionell. Sie sind durch den Frontalunterricht ständig aktiv, wollen „pausenlos“ arbeiten – und das sechs bis sieben Stunden hintereinander. Sie tappen oft in die Belastungsfalle, wollen aber gleichzeitig andere motivieren und für sie Ziele definieren (was grundsätzlich nicht möglich ist). Nach Feierabend können sie nur schwer abschalten, tragen eventuell Probleme der Schule mit nach Hause und schlafen dementsprechend schlecht. All dies ist der perfekte Nährboden für Burnout-Erscheinungen.
  3. LehrerInnen brauchen für die (gesunde) Ausübung ihres Berufes die Einstellung, dass sie Lernexperten und Lernbegleiter sind, jedoch nicht verantwortlich für das Lernen der Kinder und Jugendlichen. Die Lehrer brauchen berufsbegleitende Unterstützungen (z.B. Supervision), sie brauchen die Fähigkeit, sich abzugrenzen und Nein sagen zu können. Die Schulen insgesamt brauchen entzerrte Bildungspläne, entschleunigte Zeitraster und angemessene Lernrhythmen (deshalb auch der immer wiederkehrende Ruf nach Ganztagsschulen). Und last but not least: Die Schulen brauchen weitaus mehr Personal- und Finanzressourcen als bisher.

Nur ein respektvoller Umgang bewirkt positives Lehren und Lernen

Hauptsache Bildung: Wie wichtig ist Kommunikation in der Schule?

Dr. Reinhold Miller: Die Kommunikation im zwischenmenschlichen Miteinander in der Schule ist eminent wichtig. Ohne einen respektvollen Umgang ist höchstens Stoffvermittlung möglich, jedoch kein wirksames Lehren und Lernen. „Reden, wie einem Schnabel gewachsen“ ist, genügt da einfach nicht. Deshalb auch hier: „Reden will gelernt sein“.

Hauptsache Bildung: Welche Empfehlungen geben Sie Lehrern von morgen mit auf den Weg?

Dr. Reinhold Miller: Für Lehrerinnen/Lehrer, nicht nur von morgen, auch schon von heute:

  1. Sich selbst mögen, auf sich achten, eigene Grenzen wahrnehmen und sie anderen gegenüber setzen
  2. Die SchülerInnen mögen und ihnen mit Wertschätzung begegnen; sie auf ihren Lernwegen begleiten; sie „loslassen“ können und nicht für ihr Lernen verantwortlich sein
  3. Lern- und Sach-/Fachexperte sein, was bedeutet: sich selbst stetig als Lernende verstehen
  4. Akzeptieren, dass Schule für die Kinder und Jugendlichen ein Bereich (von vielen) ihres Lebens ist

Hauptsache Bildung: Würden Sie heute noch einmal den Lehrberuf wählen?

Dr. Reinhold Miller: O ja! Aber unter folgenden Bedingungen:

  • Ich bekomme eine zeitgemäße Ausbildung mit einer ausgewogenen Mischung von Theorie und Praxis
  • Ich kann an einer Gemeinschafts-Ganztags-Schule arbeiten
  • In den Klassen sind nicht mehr als 20 Lernende und ich muss keine Noten geben
  • Ich muss meine Schüler nicht motivieren und ihnen keine Ziele vorgeben. Ich schaffe hingegen günstige Bedingungen, damit sie sich selbst motivieren und ihre eigenen Ziele erreichen können.

Hauptsache Bildung: Herr Dr. Miller, vielen Dank für das Interview.

 

 

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Dr. Reinhold Miller

Dr. Reinhold Miller ist promovierter Diplompädagoge, Schulberater, Kommunikationstrainer und Coach. Seit 1989 bildet er hauptamtlich Lehrer in verschiedenen Bereichen fort. Er war selbst 15 Jahre Grund- und Hauptschullehrer, bevor er Lehrbeauftragter eines Studienseminars wurde. Zuletzt erschien im Schulwerkstatt Verlag sein Arbeitsbuch „Fit im Lehrberuf“ (zur Rezension).

 

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