KolumneLesen bildet. Langweiliger kann der Titel einer Kolumne wohl kaum sein. Das klingt wie: Weihnachten ist schön. Jetzt klicken Sie weiter. Und schon bin ich raus aus dem kurzatmigen Aufmerksamkeitskreislauf. Unspektakuläre Aussagen werden heute gern überlesen. Nein, sie werden eigentlich nicht überlesen, sie werden einfach nicht mehr wahrgenommen. Das Buch hat seit längerer Zeit genau dieses Problem.

Wie sehr Lesen bildet, will keiner mehr lesen. Schon 2008 haben das Surfen, Simsen, Chatten und Emailen das Bücherlesen als Lieblingsbeschäftigung abgelöst. Heute werden die zahlreichen Textnachrichten mit den Augen kurz abgescannt. Der Filter des Auslesers ist früh in Alarmbereitschaft. Immer schriller, immer dramatischer müssen die Nachrichten sein. Sonst wird der Text gleich aussortiert.

Achtzig WhatsApp-Posts pro Tag – Keine Zeit und Lust zum Lesen

Neulich am Bahnhof berichtete ein Schüler seinem Freund über die jährliche Statistik seiner WhatsApp-Posts. Er kam auf achtzig Posts pro Tag. Antwort vom Freund: „Normal. Das ist noch wenig. Guck dir die Weiber an! Was meinst du, wie viel die so schreiben?“ Ich stehe daneben und beginne zu rechnen. Wenn man pro Post zehn Sekunden über WhatsApp braucht, dann nimmt das Schreiben und Senden pro Tag etwa vierzehn Minuten ein, vermutlich etwas mehr. Wenn ich die gleiche Textnachrichtenmenge noch von Freunden empfange und einmal annehme, das Lesen der Nachrichten als auch das Antworten erfordert ein Nachdenken, bin ich schon bei etwa dreißig Minuten pro Tag.  Das ist nicht viel, kann man denken. Da bleibt doch noch Zeit für die Hausaufgaben und das Lesen eines Buches.

Das Fatale der digitalen Stand-By-Kultur aber ist, dass auch der Kopf ständig im Stand-By-Modus ist, jederzeit zum Anschalten bereit ist. Weil er nie ausgeschaltet wird. Das Lesen eines Buches aber erfordert Konzentration, auch die Bereitschaft zur Verdichtung von Gedanken und Gefühlen. Es hat Generationen entspannt, weil der Mensch sich ohne störende Außenreize in anderen Welten bewegen durfte. Dadurch konnten sich Gedanken ruhiger entfalten, dadurch konnte sich das Gehirn junger Menschen entfalten und entwickeln. Heute müssen wir dagegen ständig„on“ sein – „stay tuned“. Also wirklich keine Zeit zum Lesen und keine Lust. Das Gehirn ist mittlerweile auf aktive Kurzfunktionen konditioniert. An der heute häufig empfundene Passivität und Stille beim Lesen leiden die aktiven Digital-Ichs daher meist bereits nach wenigen Minuten. Aber lernen wir so noch?

Auslesen und Auslese

Man kann nicht lernen, ohne etwas aufzunehmen. Wenn die Aufnahmebereitschaft aber durch Klickkulturen und immer schriller werdende Online-Events sinkt, dann muss uns alle die Sorge umtreiben, wie das mit dem gemeinhin akzeptierten Anspruch des lebenslangen Lernens zusammenpasst. Was online immer schneller in der Übertragung wird, was digital immer mehr an Textmasse wird, muss nämlich immer stärker ausgelesen werden. Die Folge ist Überforderung. Das Neuromarketing empfiehlt daher beispielsweise schon, dass die gleichen Spots und Botschaften auf unterschiedlichen Kanälen gesendet werden, weil der Online-Mensch die Abwechslung liebt. Außerdem sollten sich einfache und positive Lebenswirklichkeiten in der Verkaufsbotschaft wiederfinden. Für die Bücherwerbung fielen so alle klassischen Tragikkomödien heraus, alle Dramen, alle Bücher, die negative Lebenswirklichkeiten abgebildet haben. Zu kompliziert, zu umfangreich, zu schwer.

Die digitale Lernkultur aber kann sich nur zu einer echten Alternative entwickeln, wenn sie neben der virtuellen Realität die herkömmliche und so langweilige zulässt. Weil der digitale Raum immer mehr Echtzeit beansprucht, verkehren sich mittlerweile Schwerpunkte und Ansprüche der Menschen. Sie lassen die Menschen kaum mehr auslesen, verknappen ihre Zeit und engen sein Gehirn auf Kurzfunktionen ein. Deswegen: Weihnachten ist schön. Endlich mal Zeit zum wirklichen Ausleben mit Menschen und zum Auslesen von Büchern. Es gibt keine nachhaltige Bildung unter dem Diktat der Geschwindigkeit. Wer sich wann wie und wie lange bildet, bestimmt glücklicherweise noch nicht die digitale Welt.

VN:F [1.9.22_1171]
Diesen Artikel bewerten
Rating: 0.0/10 (0 votes cast)