Students taking notes while their classmate is raising her handManche Spötter behaupten, dass Lehrer nur sechzig Jahre die Schulbank drücken. Meistens kommen solche Sprüche von Eltern, deren Kinder gerade Probleme in der Schule haben. Fakt ist: Die Spannungen zwischen Lehrpersonal und Eltern nehmen zu. In einem heute vielerorts gespannten Verhältnis zwischen diesen Parteien erkennen beide Seiten kaum mehr, dass weder die einen noch die anderen über die besseren Sozialkompetenzen verfügen.

Elternsprechtage reichen kaum mehr aus, um den in einem Schuljahr angestauten Konfliktstoff friedvoll zu lösen. An vielen Schulen müssten daher dringend runde Tische entstehen, die klassenweise einmal im Monat stattfinden, damit Eltern auch wieder mehr Verständnis für den Lehrerberuf finden können. Aber es bedarf auch eines neues Ansatzes in der Lehrerausbildung.

 Mehr Praxisphasen in der Ausbildung reichen allein nicht

Viele wollen nur Lehrer werden, weil sie damit eine sichere Verbeamtung finden, dem Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt entgehen und ihr einmal in der Schule gefundenes Leben einfach weiterführen können. Wer arbeitet schon halbtags zu so günstigen und unkündbaren Konditionen? Viele in Deutschland denken heute leider so abwertend über Lehrer. Dabei gibt es kaum einen härteren Beruf als den des Lehrers. Der Vorwurf, dass sie häufig keinen Praxisbezug zum wirklichen Leben da draußen haben, stimmt dagegen leider sehr oft und wird, was die gesellschaftliche Akzeptanz von Lehrern angeht, zu einem immer größeren Problem. Im Bundesland Baden-Württemberg finden dabei bereits in der Lehrerausbildung viele Praxisphasen statt. Leider nur in Schulen, nicht außerhalb von diesen.

Junge Menschen, die so früh erkennen könnten, dass sie für den Lehrberuf nicht geeignet sind, blenden das nur allzu gern aus und werden trotzdem Lehrer. Sicher auch mangels Alternativen, da sie andere Arbeitsbereiche nach dem Abitur kaum kennenlernen. Die neuen Lehrer von morgen müssten in ihrer Ausbildung daher dringend mehr Praxisphasen außerhalb von Schulen absolvieren. Dort, wo die Eltern ihrer zukünftigen Schüler arbeiten. Die neuen Lehrer von morgen brauchen dringend eine Horizonterweiterung. Sonst drohen ihnen schneller als früher Lagerkoller und Burnout.

Die Probleme der Lehrerausbildung sind hausgemacht

So wie Lehramtskandidaten mehr Praxiserfahrungen außerhalb von Schulen im Berufsleben bräuchten, so würde es ihnen an den Universitäten gut tun, wenn auch ihr Lehrpersonal stärker mit Menschen besetzt wäre, die einmal längere Zeit außerhalb des Campus gearbeitet haben. Es ist geradezu absurd, dass wir gesellschaftlich den Menschen die Lehrerausbildung anvertrauen, die zu fast hundert Prozent selbst nie etwas Anderes erlebt haben als Schule und Campus. Und das ist womöglich unserer steifen, deutschen Geradlinigkeit zu verdanken, dass wir meinen, dadurch eine gute Qualität in der Lehrerausbildung gewährleisten zu können.

Aber was sollen die zukünftigen Pädagogen von Ausbildern lernen, die selbst nie etwas Anderes kennengelernt haben? Die komplexer gewordene Welt hat das einstige Hierarchiegefälle zwischen Lehrern und Schülern längst zum Wanken gebracht. Es müssen in der Lehrerausbildung daher neue Wege beschritten werden. Wenn unsere zukünftigen Lehrer nicht stärker auf die Welt der Eltern zugehen, wird sich das Unverständnis zwischen Lehrern und Schülern mit der Zeit nur noch vergrößern. Erziehung war und ist nämlich ein gemeinsames, gesellschaftliches Boot. Keiner will in diesem untergehen. Keiner darf in diesem untergehen.

Lehrerausbildung in Kooperation von Universitäten und Fachhochschulen

Die Fachhochschulen in Deutschland sind aufgrund ihrer starken Praxisorientierung ein hervorragendes Beispiel dafür, wie man Theorie und Praxis in der Lehre miteinander verbinden kann. Ähnliches ist für die Lehrerausbildung möglich, und zwar auch und gerade für die Lehrfächer der Geistes-, Kultur- und Gesellschaftswissenschaften. Die Universitäten, die seit mehr als einem Jahrhundert mit der Ausbildung der Lehrer beauftragt sind, brauchen in heutigen Zeiten einen starken Partner an ihrer Seite. Deutschlands Fachhochschulen bieten sich mit ihrem Know-how bei der Unterstützung geradezu an.

Sie könnten zukünftig die Praxisphasen der Lehramtskandidaten betreuen und bewerten. Mit klaren Kompetenzzuschnitten in der Kooperation ließen sich so praktische und gute Antworten auf neue Schülergenerationen finden, damit wieder mehr Lust auf Praxis in den Schulen entsteht. Die vergeht Schülern nämlich langfristig, wenn sie in den nächsten Jahrzehnten weiterhin mit Fachlehrern konfrontiert werden, die über den Tellerrand nicht hinausblicken wollen oder können.

 

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