wzfLaut einer Umfrage des Ifo-Instituts in München, die nächste Woche vorgestellt werden soll und über die der Spiegel diese Woche bereits berichtete (Quelle: Spiegel), wünscht sich die Mehrheit der Deutschen ein Schulsystem, das leistungsorientierte Kriterien wie die Noten oder das Sitzenbleiben beibehält. Jeweils mehr als drei Viertel der Befragten sprachen sich dafür aus und sehen auch im guten Abschneiden bei den Pisa-Tests wichtige Leistungsmarken des Vergleichs. Sogar 85 % der Befragten fordern bundeseinheitliche Abiturtests. Ist Deutschland zu leistungsorientiert?

Welchen Aussagewert haben die Umfragen?

Zunächst einmal ist es unglücklich, wenn in Vorveröffentlichungen bereits Umfrageergebnisse vorgestellt werden, ohne genauer zu wissen, was genau gefragt wurde. Die Ergebnisse von Umfragen sind in ihrer Vertrauenswürdigkeit nicht zuletzt bei politischen Wahlen erschüttert worden. Hinzu kommt, dass die Umfrage zur Zeit einer allgemeinen gesellschaftlichen Reformmüdigkeit kommt, was das deutsche Schulwesen betrifft. Das soll keinesfalls die offenbar eindeutigen Ergebnisse in Frage stellen, muss aber als Hintergrund beachtet werden. In solchen Zeiten neigen Menschen dazu, sich an konservative Werte festzuhalten.

Was wird als Leistung definiert?

Wenn Noten als Garant einer Leistungsbemessung herhalten müssen, lässt das die Frage nach Gerechtigkeit jedenfalls offen. Nur zu verständlich ist aus diesem Grund der Wunsch, dass das Zentralabitur bundeseinheitlich eingeführt werden soll. Aber was wird da genau als Leistung definiert? Wird auch die Leistung der Lehrer bewertet? Wer immer die Befragten waren, das komplexe Schul- und Bildungssystem eignet sich heute kaum für einen Umfragemaßstab, der lautet: Bist du dafür oder dagegen? Insbesondere Suggestivfragen vereinfachen die kompliziert gewordene Schulwelt und können nicht im Mindesten den alltäglichen Lebensausschnitt von Lehrern, Schülern und Eltern widerspiegeln. Nimmt man noch die Diskussion um G 8 oder G 9 hinzu, dann wird deutlich, dass sich quer durch alle Schichten der Leistungsdruck bemerkbar macht.

Selbst wer das G 9 wieder einführen will, wie das Land Niedersachsen, der wird mit dem Vorwurf leben müssen, den Kindern des Bundeslandes nicht die gleichen Zeitchancen zu geben wie anderswo. Bildung ist nicht allein eine Sache der Leistung. Bildung ist vor allem eine Sache der Gerechtigkeit und der Chancengleichheit. Die kann am Ende nur mit einem bundeseinheitlichen Zentralabitur hergestellt werden. Aber Grundaufbau und Mittelstufe sind ebenso wichtig, und wenn die Anfänge nicht gleich sind, nützt auch das bundeseinheitliche Zentralabitur wenig. Wie wenig Noten über die Leistung eines Schülers aussagen, wissen vor allem die, die als Schulabgänger von damals auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nachgeholt haben und heute im Vorstand von DAX-Unternehmen sitzen.

Was man lernt vergisst man nicht?

Warum sie in der Diskussion schweigen oder mitunter das G 8 vehement fordern, erschließt sich einem kaum. Bildungslücke oder Gedächtnislücke? Ja, Deutschland ist beim Schulsystem zu leistungsorientiert und zu wenig menschenorientiert. Deutschlands Lehrer unterrichten keine Noten, sondern Schüler, die heute wie kaum eine andere Generation zuvor im Fokus selbstgerechter älterer Generationen stehen, die selbst häufig Schwierigkeiten mit dem Lernen hatten. Eines hat sich dabei offenbar nicht verändert. Das, was man gelernt hat, vergisst man zu schnell wieder.

 

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