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Die Bewertung schulischer Leistungen durch Noten gilt vielen als objektives und faires Verfahren, die Leistungen von Schülern individuell einschätzbar und miteinander vergleichbar zu machen. Doch Kritik an diesem System wird immer lauter. Wir erklären warum.

Der Kritik an der mangelnden Nachvollziehbarkeit der Notenvergabe durch die Lehrer oder an der nur schwachen Aussagekraft reiner Zahlenangaben wird die Alternativlosigkeit des Notensystems entgegen gehalten. Trotzdem hat sich das Kultusministerium von Schleswig-Holstein unter der Leitung von Waltraud Wende (parteilos) dafür entschieden, dass ab dem 1. August dieses Jahres die Vergabe von Noten abgeschafft wird. Stattdessen sollen detaillierte und individuelle Beschreibungen, sogenannte „Kompetenzbeschreibungen“, Auskunft über Leistungen und Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler geben – vorerst allerdings nur in den Grundschulen. (Quellen: Zeit Online; Welt Online).

Kompetenzbeschreibungen statt Zensuren

Kultusministerin Wende setzt hiermit um, was Kritiker des Schulsystems wie etwa der Philosoph Richard David Precht („Anna, die Schule und der liebe Gott: Der Verrat des Bildungssystems an unseren Kindern“), aber auch Lehrerinnen und Lehrer selbst schon länger fordern: Die Abschaffung der Notenvergabe zugunsten einer differenzierteren und flexibleren Form der Bewertung schulischer Leistungen (Quelle: Süddeutsche Online). Statt einer verallgemeinernden Bewertung in Form einer einfachen Ziffer sollen die sogenannten „Kompetenzbeschreibungen“ Kultusministerin Wende zufolge genau aufzeigen, wo die Stärken und wo die Schwächen eines Schülers liegen.

So könne eine Kompetenzbeschreibung etwa im Fach Deutsch sichtbar machen, dass ein Schüler zwar über geringere Lese- und Schreibkompetenzen als seine Mitschüler verfügt, dafür aber über ein höheres Textverständnis und eine bessere schriftsprachliche Ausdruckskraft. Durch solche detaillierten Stellungsnahmen des Lehrers zu einzelnen Kompetenzbereichen soll außerdem verhindert werden, dass leichtfertig nicht nachvollziehbare „ungerechte“ Bewertungen ausgesprochen werden, wie dies bei der Notenvergabe oft geschehe.

Fördern oder fordern? Vom Zweck der Schule

Die Kritik am Notensystem bezieht sich jedoch nicht nur auf die Objektivität der Bewertung, sondern benennt auch mit dem Notensystem einhergehende negative Effekte sowohl auf das schulische als auch auf das familiäre Zusammenleben. Dazu zählt, dass Schüler nur kurzfristig und oberflächlich Wissen erwerben, welches lediglich wegen guter Noten, nicht aber um des Wissens selbst willen erlernt würde. Außerdem führen die Kritiker vorprogrammierte Spannungen zwischen Eltern und Kindern aufgrund schlechter Noten an.

All dies widerspricht dem, was Wende und andere Kritiker des Notensystems als den vorrangigen Zweck von Schule ansehen: Eine erste Einführung in die „Welt des Wissens“ zu leisten, den Schülern dabei Spaß am Lernen zu vermitteln und individuelle Potenziale zu fördern (Quellen: Zeit Online ; Süddeutsche Online).

Der bayrische Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) hingegen weist der Schule den vorrangigen Zweck zu, Heranwachsende darauf vorzubereiten, „aktive Mitglieder der Gesellschaft“ sein. Dem Notensystem komme dabei neben seiner reinen Bewertungsfunktion die wichtige Rolle zu, den Schülern das in der Gesellschaft vorherrschende Leistungsprinzip näher zu bringen. Abgesehen von dieser gesellschaftlichen Funktion verteidigt Spaenle die Vergabe von Noten als objektive und aussagekräftige Repräsentation schulischer Leistungen, die zudem die Kommunikation über den individuellen Leistungsstand eines Schülers wesentlich erleichtern würde.

Fälle von objektiv nicht nachvollziehbaren „ungerechten“ Notenvergaben oder Spannungen zwischen Eltern und Kindern streitet Spaenle nicht ab, begreift sie aber als kleineres Übel: Denn letzten Endes helfe das „Einfordern von Leistung […] den Kindern mehr als der Verzicht auf sie.“ Außerdem ließen auch Kompetenzbeschreibungen, wie sie nun in den Grundschulen Schleswig-Holsteins eingeführt werden, „ungerechte“ Bewertungen durch Lehrer zu: Statt in Form von Noten nun eben in Form von negativen Beschreibungen – ein Phänomen, wie man es auch aus der Arbeitswelt mit seinen Arbeitszeugnissen kennt.

Denkanstöße aus der Verhaltenswissenschaft

Doch sind die von Wende und anderen bevorzugten „Kompetenzbeschreibungen“ die einzig denkbare Alternative zu der gängigen Methode der Notenvergabe? Im Rahmen einer jüngst durchgeführten Studie, die sich mit der Frage beschäftigt hat, wie sich die Motivation von Schülern steigern ließe, haben Verhaltensforscher in Zusammenarbeit mit Lehrern mehrere alternative Ansätze entwickelt (Quelle: Süddeutsche Online).

Anstatt es absolut abzulehnen, greifen sie hierbei das Konzept der Notenvergabe in kreativer Weise auf und schlagen u.a. vor, Beschreibungen von Noten weniger absolut klingen zu lassen („noch nicht“ statt „ungenügend“) oder Schülern von vornherein gute Noten zu geben, die diese dann durch gute Leistungen verteidigen müssen. Auch wenn die Forschergruppe Vorschläge wie diese eher als provokative Denkanstöße denn als ernstgemeinte Vorschläge verstanden wissen will: Ihre undogmatische Herangehensweise dient sowohl entschiedenen Befürwortern als auch Kritikern des Notensystems als kreativer Ansatzpunkt.

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