Bild2Von Bildungsarmut spricht man in der Volkwirtschaftslehre, wenn Menschen zwischen den Jahren 25 und 64 keinen Mindestabschluss vorweisen können. Diese Menschen haben weder eine Berufsausbildung noch einen Schulabschluss. Viele Ausländer mussten noch vor wenigen Jahren erfahren, dass ihre im Herkunftsland erworbenen Leistungen in Deutschland keine Anerkennung fanden.

Langsam hat Deutschland verstanden, auf welche Potentiale man verzichtet, wenn man im Ausland erworbene Abschlüsse von Menschen mit Migrationshintergrund nicht anerkennt. In einem Land, in dem sich die Menschen vorwiegend nach ihrer Arbeit definieren, fühlten sich viele von ihnen ausgeschlossen, um ihre bisherige Lebensleistung betrogen. Das hat viele kluge Menschen wieder in ihre Heimatländer oder in andere Länder getrieben. Leider gibt es noch heute gesellschaftliche Armutszeugnisse, die zu denken geben müssen.

Armutszeugnisse

Ein operationstechnischer Assistent, der mit seiner Familie aus der Sowjetunion kam und fünfundzwanzig Jahre in einem Krankenhaus in Deutschland arbeitete, sagte mir einmal vor Jahren, dass er sich all die Jahre nie in Deutschland wohl gefühlt habe. Sein Vorgesetzter habe sich ständig über seine Deutschkenntnisse lustig gemacht. Auf meine Nachfrage, was denn an seinen Deutschkenntnissen auszusetzen sei, sagte er mir, dass der Chefarzt ihm die Vertauschung von Artikeln vorgeworfen habe, sich darüber im Umkreis immer wieder köstlich amüsiert habe und angesichts seiner hohen Position stets Mitlacher gehabt habe. Obwohl er seine Arbeit auf höchstem Niveau ausgeführt habe, er viele Fortbildungen nach der Arbeit absolviert habe, sei es nun genug für ihn, gehe er mit seiner Familie nun nach Kanada. Weil seine Frau Apothekerin ist und Kanada Menschen herzlich willkommen heißt, die eine Ausbildung in Mangelberufen vorzeigen können, war es eine Kleinigkeit für diese Familie, den Sprung über den großen Teich zu schaffen.

Sie sind heute glücklicher als je zuvor und dort gut aufgenommen worden. Armutszeugnisse wie diese kommen leider noch immer täglich vor und geben einen tiefen Einblick in die Verfassung unseres Landes. Sie entblößen ein mangelndes Verständnis für Menschen, die aus der Fremde kommen und im Land so nie ankommen werden. Als letzte Woche Deutschland weltweit zum beliebtesten Land gekürt wurde, musste ich ein wenig schmunzeln. Nicht, weil hier alles schlecht ist, sondern weil mir einfach diese und andere Geschichten einfielen. Das, was von außen so glänzt, stellt sich für Menschen aus der Fremde, die hier ein Leben aufzubauen versuchen, vielmals anders dar.

Perfektion und Standards

Die deutsche Sprache kennt im Gegensatz zu vielen anderen Sprachen das Perfekt. Es gibt vor allem das resultative Perfekt. Das kommt nicht von ungefähr, denn wie wichtig Ergebnisse in unserem Land sind, wissen wir alle. Das ist sprachpsychologisch höchst interessant, denn in der deutschen Sprache gebrauchen wir das Perfekt immer häufiger, weil wir immer perfekt und perfekter sein wollen. Darauf kommt es in diesem Land an. Wir haben daher kaum mehr Geduld mit Menschen, die einen längeren Lernweg vor sich haben. Wir Deutschen denken an Qualitätsstandards und an Made in Germany, und das ist unzweifelhaft die Erfolgsgeschichte unseres Landes, unser Stolz. Aber wir verkennen dabei schnell, dass es auch Menschen in unserer Gesellschaft gibt, die andere Mentalitäten und Denkweisen haben, durch die wir etwas gewinnen könnten, wenn wir diese stärker berücksichtigen und schätzen würden.

Es ist zweifellos schwierig, bildungsferne Menschen aus dem Inland und Ausland zu integrieren, und wir werden uns damit auseinandersetzen müssen, dass wir einen gewissen Anteil an Bildungsarmut immer im Land haben werden. Aber wie so häufig liegen in der Stärke von Eigenschaften auch Schwächen, und wir können es uns langfristig nicht leisten, Menschen mit einer anderen Herkunft im Land zu verstoßen oder weiter auszugrenzen. Das werden wir alle auf Dauer sehr teuer zu spüren bekommen, nicht nur wegen des demografischen Wandels. Unsere hervorragende und vorbildliche Leistungsbilanz und all die wirtschaftlichen Erfolgsmeldungen blenden die für die Zukunft entscheidende Frage aus: Wie nachhaltig ist der Erfolg?

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