Kolumne-4Jeder hat das schon mindestens einmal erlebt. Man erreicht auf dem Bildungsweg gemeinsam eine Etappe, hat etwas zusammen erarbeitet und danach enden dann die Zweckbündnisse in kleinen oder größeren Gruppen. Selten halten sich Kontakte, selten verfolgt man das Leben der anderen weiter.

Ganz gleich ob Abitur, Studium oder Berufsleben – wir teilen heute mit Menschen kurzfristige Ziele in Etappen, aber beim Mitteilen über ein Projekt hinaus hört es schon wieder auf mit dem Interesse am anderen. Wer höhere Ansprüche im Leben hat, wird Schwierigkeiten bekommen. Am Ende einer Etappe sind wir alle wieder auf uns allein gestellt. Das alles läuft an Schulen und Hochschulen häufig funktional und professionell ab. Diese Gelegenheitsbindungen sind auf reinen Pragmatismus hinaus, ein Ergebnis unserer Etappenbildung. Wir haben heute mehr denn je pragmatisch denkende Generationen, die ergebnisorientiert handeln und kaum mehr nachhaltige, interpersonelle Kompetenzen entwickeln.

Ich will auf das Gymnasium, weil meine Freunde da auch hingehen

Zum Halbjahr der vierten Klasse hört man meist zum letzten Mal die Wünsche vieler Kinder, dass sie gerne die Schulform besuchen würden, die auch ihre Freunde besuchen. So verständlich der Wunsch vielleicht noch ist, so wenig passt er in unser Bildungssystem der Selektion. Wir bereiten Kinder schon früh darauf vor, dass Bildung keine soziale Angelegenheit ist, sondern eine Angelegenheit der individuellen, objektiv eingeschätzten Leistungen. Zu diesem Zeitpunkt müssen viele Klassenlehrer und Eltern ihren Schülern und Kindern erklären, warum das mit dem Gymnasium nicht geht.

Kinder nehmen so früh auf, dass es Unterschiede gibt, dass sie sich auf Trennungen von Bindungen einlassen müssen, weil es von nun an im Leben nicht mehr um Bindungen geht, sondern um ihren persönlichen Weg und ihre persönliche Stärke. „Du machst doch das Abitur nicht wegen der Freunde“, habe ich selbst einmal vor Jahren einem Oberstufenschüler mit auf den Weg gegeben. Wir bauen in unserem Bildungssystem früh auf das starke Ich, das sich gegen den Rest zu differenzieren und durchzusetzen hat. Das ist ja auch nicht alles grundlegend falsch, aber man kann schon einmal darüber nachdenken, wie junge Menschen solche Signale mittelfristig aufnehmen. Und auch, wer darunter vielleicht leidet, ohne es zugeben zu dürfen? Ich stelle fest, dass ein mitunter sehr nüchternes Klima unter Lehrern, Schülern und Studenten herrscht, das weniger auf Kooperation als vielmehr auf Wettbewerb setzt.

Schwächen und Nähe zeigen – Ein Tabu

In einer Gesellschaft, die stets nach Perfektion strebt, ist eines verboten: Scheitern. Wer Schwächen zeigt, wird ziemlich schnell abgestraft. Das gilt auch für Lehrer. Wenn Pädagogen heute in Schulen noch eine freundliche Nähe zu Schülern zeigen, ein aufrechtes Interesse an den Schülern, dann wird ihnen das als Schwäche ausgelegt und schnell ausgenutzt. An vielen Hochschulen scheint es für Dozenten zugleich am besten, die Autorität von akademischen Titeln wie eine Wand zwischen ihnen und den Lernenden vor sich her zu tragen.

Das gilt als professionell. Das sichert Respekt. Darauf sind junge Menschen auch perfekt eingestellt. Ein anderes Verhalten wird von jungen Menschen mit Misstrauen beäugt und mitunter abgestraft. Will der was von mir? Menscheninteresse wird gleich personalisiert, als merkwürdige Grenzüberschreitung wahrgenommen. Keiner darf heute mehr anders sein, anders lehren, anders lernen.

Die zukünftigen Projektmanager

Die pragmatischen Generationen von heute sind fast nur noch Nutzbindungen in Projektarbeiten gewohnt. Und wenn man so darüber nachdenkt, sind alle ziemlich einsam in diesem langen Etappenverlauf der Bildung. Zu viel Ich-Druck belastet schließlich auf Dauer. Zu viel Ich-Welt schadet. Deswegen laufen wir mittelfristig auf Generationen hinaus, die früher noch als heute ausgebrannt sein werden und am Ende einer mittleren Etappe nicht mehr in unserem Sinne als leistungsfähig und belastbar angesehen werden.

Weil irgendwann der Mensch in ihnen an die Tür klopft. In den Schulen reiben sich Lehrer immer mehr auf, weil sie fast nur noch als Projektmanager und kaum mehr als Menschen und Pädagogen gefragt sind. Sie sollen und müssen heute die Projektmanager von morgen ausbilden. Und das haben sie eben nicht gelernt, vielleicht auch nicht gewollt. Da haben es Dozenten und Professoren an den Hochschulen einfacher, weil man da nicht mehr von Pädagogik spricht, sondern von Didaktik, und die Wissenschaft nicht nach sozialen Kompetenzen fragt.

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