soziales_schuleBei einem Gipfel denkt man an die Spitze eines Berges, die zu erreichen es an Mut, Ausdauer und Kondition braucht. Aber eine faire Chance braucht es auch. Wenn man einem Wanderer auf dem langen Weg zum Gipfel noch riesengroße Kieselsteine in den Rucksack legt, wird man kaum einen Gipfelstürmer erwarten können. Wir können noch zig Integrationsgipfel veranstalten – wenn nur Spitzenvertreter, die längst auf dem Gipfel stehen, teilnehmen, verhandelt man die wichtige Zukunftsfrage der besseren Bildungsintegration wieder einmal von oben nach unten.

Leider finden solche Treffen immer im Kanzleramt statt. Die gutgemeinten Absichtserklärungen und anschließenden Pressemitteilungen kommen bei den Betroffenen überhaupt nicht an. Weil in den letzten Jahren das Budget für die Sprachförderung von Migranten so stark zugeschnitten wurde, dass viele DaF-Kursanbieter mittlerweile verzweifeln.

DaF – Deutsch als Fremdsprache – Ohne Sprachkenntnisse geht es nicht

In Berlin, nicht so weit vom Kanzleramt entfernt, hat sich zur Zeit des Gipfeltreffens am Montag bei Alina in ihrer Wohnung eine kleine Sprachkursgruppe getroffen, um bei ihr Deutsch zu lernen. Alina ist 29 Jahre alt, hat ihren Master in Germanistik und Politik gemacht und kann sogar eine hervorragende Abschlussnote vorweisen. Trotzdem ist sie seit einem Jahr arbeitslos. Ich habe sie vor kurzem über eine Bekannte kennengelernt, die bei mir mal vor Jahren Deutsch gelernt hat und später in die Hauptstadt gezogen ist. Alina wollte einmal Journalistin werden. Netzwerke hatte sie keine, nicht einmal eine Tuchfühlung zu einer Redaktion. Die digitale Welt hat dem Beruf des Journalisten ziemlich zugesetzt. Das Geschäft der Printmedien ist keines mehr. Jetzt ist sie Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache, aber inoffiziell, denn was sie als Lehrerin zuvor bei verschiedenen Weiterbildungsanbietern offiziell verdient hat, spottet jeder Beschreibung.

Sie unterrichtete da vor völlig überfüllten Kursen täglich vier Stunden und musste als freiberufliche Lehrerin zu ihrer großen Überraschung dann noch immens hohe Sozialversicherungsbeiträge zahlen. Das hat Alina in die Schuldenfalle getrieben. Jetzt teilt sie sich in Berlin mit drei Studentinnen eine Wohnung und verdient sich schwarz etwas dazu, um von den Schulden wegzukommen. Hartz-IV reicht da nicht aus. Alina denkt daher darüber nach, auszuwandern. Aber von welchem Geld? Und vor allem wohin? Die kleine Sechsergruppe zahlt ihr pro Stunde zusammen 18 Euro. Mehr kann sie nicht nehmen. Sie kennt die finanzielle Situation ihrer erwachsenen Schüler. Sie ist selbst mit sechs Jahren aus Kasachstan nach Deutschland gezogen.

Mit Deutschkenntnissen geht es jedoch nicht unbedingt besser

Alina hat mich vergangenes Wochenende kontaktiert. Weil sie meinen Artikel „Bildungsarmut“ gelesen hat. Sie schreibt mir über ähnliche Erfahrungen, dass sie bereits in der Schule nie eine Wertschätzung erlebt habe. Sie habe sich noch so bemüht, aber immer hätten ihre Mitschüler sie wegen ihres Akzents ausgelacht. Sie habe daher stundenlang zu Hause vor dem Spiegel geübt. Heute höre keiner mehr einen Akzent bei ihr. Heute spreche sie ein reines Hochdeutsch. Nur ihr ausländischer Name sei ihr geblieben. Und Deutschland sei so geblieben, wie sie es vorgefunden habe.

Es sei keine Überraschung, dass hier viele Migranten kaum einen Berufs- und Studienabschluss vorzeigen könnten. Sie seien schon abgehängt, bevor sie hier wirklich ankommen. Das stimme nicht ganz, schreibe ich ihr zurück. Ich verweise darauf, dass, wenn ich nach Kasachstan ziehen würde, vom Staat kaum einen Russischkurs bezahlt bekäme. Nein, aber du würdest als Gast aufgenommen werden und dich als Freund des Landes fühlen. Du würdest dann das Gefühl bekommen, dass du mit Russischkenntnissen etwas im Land werden kannst. Das Gefühl habe sie in Deutschland nicht. Es sei egal, ob man Deutsch könne oder nicht. Als Migrant werde man hier ohnehin nur verwaltet.

Frustration auf allen Seiten

Mir fällt nach dem Schriftwechsel ein Gespräch mit einem Bekannten ein, der mich vor Wochen direkt fragte, was wir denn alle mit den Flüchtlingen wollten. Sie würden später ohnehin Hartz-IV beziehen und uns nur auf der Tasche liegen. Deutschland tue so viel für diese Menschen, aber diese dankten es einem nicht einmal und integrierten sich überhaupt nicht. Mein Bekannter vertritt ansonsten überhaupt nicht solche Positionen, ist ein sozialer Mensch, der auch ehrenamtlich im Bereich der Flüchtlingshilfe tätig ist. Ich frage mich daher jetzt, wie man diese extremen Perspektiven zusammenbringen kann.

Ich frage mich auch, warum das Gipfeltreffen nicht in einem Deutschkurs bei einem Weiterbildungsanbieter stattfindet. Dann würden die Politiker hautnah erfahren, wie viel von den gutgemeinten Absichtsbekundungen unten ankommt. Wenn Menschen mit Migrationshintergrund hier weiter nur verwaltet werden, vertun wir wichtige Chancen und Potentiale für die Zukunft. Als Exportweltmeister und große Nutznießer der Globalisierung sollten wir schon irgendwann einmal in der Lage sein, auch die Kulturen und Mentalitäten anderer Länder verstehen zu lernen. Nur dann kann man für die neuen Mitbürger die so wichtigen Brücken zu unserem Land und zu unserer Kultur aufbauen. Ansonsten redet man noch in Jahren weiter aneinander vorbei.

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