junge asiatische frau im büro

Viele Absolventen haben nach dem Studium Probleme, in den Job zu starten. Wir haben mit Regina Lautenschläger über dieses Problem und die potentiellen Lösungsansätze dazu gesprochen.

Frau Lautenschläger, die neuen BA- und MA-Abschlüsse waren unter anderem dafür konzipiert, die Studierenden besser auf die Berufswelt vorzubereiten. Wie sind ihre Erfahrungen? Lernen die Studierenden mit den Angeboten zu Soft Skills usw. nun, worauf es den Unternehmen ankommt?

Welche Lernerfahrungen jeder Einzelne macht, ist natürlich sehr individuell. Es ist sicherlich nützlich, sich neben der fachlichen Qualifikation auch mit seinen Soft Skills zu beschäftigen. Aber man sollte sich von dem Gedanken lösen, dass alles Wünschenswerte in einem Training lernbar sei. Zahlreiche Kompetenzen sind nicht beliebig erlernbar, sondern sind eng mit der Persönlichkeit und Erfahrung verbunden, beispielweise Kreativität und Problemlösungsfähigkeit.

Kurse zu konkreten Soft Skills können den eigenen Entwicklungsbedarf skizzieren und das Handwerkszeug vermitteln. Um die erlernten Fähigkeiten wirklich zu integrieren, bedarf es praktischer Einübung mit einem Feedback  – und den passenden Gelegenheiten dazu. Hier sehe ich noch nicht alle Möglichkeiten in der Lehre voll ausgeschöpft. Mentoring- und Coachingprogramme an Hochschulen sind jedoch eine wertvolle Ergänzung, um die persönliche Entwicklung mit der fachlichen Qualifikation zu „synchronisieren“.

Meines Erachtens hat Bologna nicht den Durchbruch in Sachen Beschäftigungsfähigkeit gebracht, im Gegenteil: Die Verschulungstendenzen mit einem engen Zeitbudget der Studierenden gehen auf Kosten der individuellen Entwicklung. Ob in der Personalauswahl ein Absolvent berücksichtigt wird oder nicht, hängt von den Ansprüchen des Unternehmens, des Bewerbers und der zu besetzenden Stelle ab. Nicht jeder ist für jede Stelle geeignet und das sollte auch nicht das Ziel sein.

Der erste Job ist häufig nur eine erste Ausgangsbasis und nicht absolut

Warum setzen sich so viele junge Abiturienten und Akademiker in puncto Berufswahl so unter Druck? Woher kommt diese Angst vor Entscheidungen?

Ja, diese Tendenz beobachte ich auch in der Beratungspraxis. Hinterfragt man diese Ängste, dann ist die Ursache meistens die Ungewissheit. Ungewissheit über den eigenen Wert, als Person und als Bewerber. Der Weg nach dem Abitur ist oftmals die erste, vermeidlich weichenstellende Entscheidung, die ein junger Erwachsener treffen soll. Die allermeisten sind gut behütet aufgewachsen und „dank“ G8 so jung, dass es Ihnen schlichtweg an Erfahrungswerten fehlt. Dabei wird gerne viel zu weit in die Zukunft geblickt und geglaubt, diese Richtungsentscheidung präge das ganze Leben und sei unwiderruflich. Es gibt kaum eine gesellschaftliche Toleranz für Fehlentscheidungen, aber das ist ein anderes Thema.

Unter dieser Prämisse fällt die Wahl des Berufes oder des Studiums natürlich schwer. De facto ist die Entscheidung jedoch nicht so absolut. Ein Mediziner kann sowohl in einer Klinik arbeiten, als auch im Journalismus oder als Consultant in einem Pharmaunternehmen. Das Studium und auch der erste Job sind lediglich eine Ausgangsbasis für das weitere Berufsleben. Die Crux ist auch, dass scheinbar alles möglich erscheint, besonders, wenn man einen guten Abschluss in der Tasche hat. Hier hilft, ggf. auch mit externer Unterstützung, eine Fokussierung und eine Überprüfung der Motivation für den einen oder anderen Weg.

Wer sich trotz Praktikum nach einigen Semestern für einen Studienabbruch entscheidet, leidet häufig unter dem Gedanken an die verlorengegangene Zeit. Gibt es noch immer das Idealbild der gradlinigen Karriere?

Es gibt zumindest ein weitverbreitetes Vorurteil in den Köpfen der Studenten, in ihren Familien und natürlich auch in den Personalabteilungen. Wenn nach reiflicher Überlegung Klarheit darüber herrscht, dass es wirklich das falsche Fach ist, dann ist ein Studienabbruch ein Gewinn an Zeit. Zeit, in der ich nicht mehr das Falsche tue. Wesentlich ist nur, ein neues Ziel zu haben. Ich kenne Fälle, wo der Abbruch während des letzten Examens stattfand.

Nun, die Welt ist dann vielleicht um eine Romanistin ärmer, dafür aber reicher an einer leidenschaftlichen Physiotherapeutin. Neben dem Studium läuft glücklicherweise auch ein persönlicher Reifeprozess ab und der kann auch anderes als ursprünglich erwartet verlaufen. Das ist zutiefst menschlich. Es gibt aber auch Studienabbrüche, die aus anderen Motiven geschehen, etwa aus einem Vermeidungsverhalten oder Prüfungsängsten. Hier sollte man dann genauer hinsehen und das Thema bearbeiten.

Es gibt glücklicherweise auch Arbeitgeber, die einen ungeraden Karriereweg nicht per se negativ bewerten, sondern auch Vorteile darin sehen. Und viele erfolgreiche Selbständige und Freiberufler, insbesondere in kreativen und beratenden Branchen, haben einen ausgesprochen bunten Lebenslauf.

Die Qualitäten im Job sind andere als im Studium

Auslandsjahr in Japan, dann noch japanisch lernen, Praktikum bei einem Technologie-Unternehmen. Bevor es für viele Absolventen beruflich losgeht, steht so manches auf dem Programm. Stehen junge Akademiker zur sehr unter dem Druck der Konkurrenz?

Vor allem stehen Sie unter dem Druck ihres eigenen Anspruches. Natürlich hat sich der Bewerbermarkt globalisiert und sicherlich gibt es gerade in den großen Hochschulen einen extremen Leistungsdruck, um in der Masse die Wahrnehmungsschwelle zu überschreiten und sich für einen Masterstudiengang zu qualifizieren. Die Frage ist doch, passt mein Ziel zu diesen Angeboten und macht es mir Freude, Japanisch zu lernen. Wenn nicht sollte ich es lassen und mich auf die Dinge konzentrieren, die mich fachlich und persönlich weiterbringen.

Es gibt nicht wenige Studierende, die dem Perfektionismus verfallen sind. Sie arbeiten bis spät in die Nacht und am Wochenende, um immer die volle Punktzahl bei allen Prüfungen und Aufgaben zu erreichen. Wird es für solche Kandidaten beim späteren Berufseinstieg schwierig?

Es kommt auf das Motiv und die Ursache für den Perfektionismus an. Vielen Studierenden ist es bewusst, dass sie gute Noten erreichen müssen, um sich von der breiten Masse abzuheben und in einem universitären Großbetrieb sichtbar zu sein. Deswegen müssen sie keine schlechten Teamplayer sein.

Wenn sich jedoch jemand förmlich abschottet, seine Freizeit nicht mehr sinnvoll gestalten kann und sich über seine Kommilitonen erhebt, dann wird dieser Mensch in einem Betrieb erst einmal hart aufprallen, wenn er seine Einstellung beibehält. Perfektionismus kann auch durch ein starkes Bedürfnis nach Anerkennung getrieben sein und sich als belastend herausstellen. In diesem Fall sollte man tatsächlich mal mit einem Therapeuten sprechen.

Leitungsbereitschaft, die Fähigkeit sich eine Zeit lang stark zu fokussieren und sich auch von unliebsamen Aufgaben nicht runterziehen zu lassen, sind sehr nützliche Qualitäten in einem Job, die man schon im Studium lernen kann. Arroganz oder Besserwisserei jedoch nerven im Team und sind auch bei den Chefs nicht sonderlich beliebte Eigenschaften. Ein Berufsanfänger muss bereit sein, sich von Kollegen und Vorgesetzten etwas sagen zu lassen. Das ist für viele erst einmal ein hartes Stück Arbeit. Profi im Studium bedeutet eben nicht Profi im Job.

Berufsfelder sollte man im Studium kennenlernen, um sich früh ein Bild zu machen

Besonders Geisteswissenschaftler wissen nicht so recht, was sie nach dem Studium beruflich machen können. Viele studieren daher erst einmal, weil sie das Fach interessiert und blenden die Frage nach der Karriere aus. Sollte man sich bereits vor Studienbeginn mit den Perspektiven beschäftigen?

Die Einstellung kann ganz gesund sein, erst einmal das zu tun, was mich wirklich interessiert – dann ist man auch gut darin. Wegen fehlender Perspektive ein anderes Fach zu studieren, was mir nicht wirklich liegt, kann im Studium schon zermürbend sein und das Thema holt mich spätestens nach einigen Berufsjahren wieder ein.

Sich vor dem Studienbeginn mit den Beschäftigungsmöglichkeiten intensiv auseinander zu setzen, halte ich für fast unmöglich, weil Vieles noch gar nicht bekannt ist. Ich warne aber davor, bis zur Masterarbeit zur warten, um potentielle Berufsfelder kennenzulernen. Gerade Geisteswissenschaftler profitieren von der Praxiserfahrung und dem Netzwerk, das sie sich im Studium schon aufbauen können. Beides kann ich über einen passenden Nebenjob bekommen oder in einem Schnupper-Praktikum in der vorlesungsfreien Zeit.

Wie sollte man bei der eigenen Karriereplanung vorgehen? Mal angenommen, man ist sich über seine Talente und Fähigkeiten bewusst . Ist es dann sinnvoller, ein Feld von Möglichkeiten im Blick zu behalten (bspw. „irgendwas mit Chemie“)? Oder sollte man sich lieber auf eine bestimmte Tätigkeit fokussieren und hierfür alle notwendigen Qualifikationen ausbilden (bspw. Nahrungsmittelchemiker)?

In Ihrem Beispiel sprechen Sie von Interessen, das ist ein Unterschied. Ich glaube, die Fähigkeiten eines Chemikers decken sich ziemlich genau mit denen eines Lebensmittelchemikers. Aber diese Frage bringt es vielleicht auf den Punkt: Ja, ich kann meine Vision vom Lebensmittelchemiker pflegen und alles dafür tun, dass mein Karriereweg in diese Richtung zeigt.

Ich negiere jedoch mit dieser Einstellung alle Möglichkeiten, die sich während meines Studium und meiner Praktika ergeben können. Ich mache mich blind für Arbeitsfelder, von denen ich bislang nichts wusste, über die ich ein falsches Bild habe und die mir vielleicht auch Freude machen würden. Denkt man Ihre Frage zu Ende, bedeutet es: Bin ich bereit ein Jobangebot auszuschlagen, das nicht mit Nahrungsmittelchemie etikettiert ist?

Vereinbarkeit von Familie und Karriere trifft nach wie vor Frauen

Mit welchen Problemen kommen junge Akademikerinnen zu Ihnen? Viele sind sich der Problematik zwischen Familie und Karriere bewusst. Haben Frauen Ende zwanzig, Anfang Dreißig mit Kinderwunsch besondere Probleme bei der Stellensuche nach dem Abschluss?

Nicht die Frauen haben die Probleme, sondern die Unternehmen, die auf gut ausgebildete Fachkräfte verzichten.

Die HIS-HF (Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung) Absolventenuntersuchung 2013 zeigt, dass die Erwerbstätigkeit ein Jahr nach Studienabschluss bei Männern und Frauen fast gleich ist, sie liegt um die 90%. 10 Jahre nach dem Abschluss sind noch 80% der Frauen erwerbstätig.

Die Vereinbarkeit von Familie und Karriere trifft leider immer noch in erster Linie die Frauen, aber nicht unmittelbar nach dem Studium. Es mag Ausnahmen geben. Frauen haben jedoch viel häufiger als Männer befristete Arbeitsverträge und werden schlechter bezahlt. Darin liegt das eigentliche Problem. Es erhöht neben den immer noch nicht ausgeschöpften Möglichkeiten der Unternehmen, z.B. in Bezug auf Job-Sharing in Führungspositionen, den Druck auf Arbeitnehmerinnen mit Karriereabsichten.

Eine letzte Frage: Was denken Sie über die „Bildungsinflation“? Es wird bald mehr Akademiker und Doktoren geben, als jemals zuvor. Werden solche Qualifikationen auch immer weniger wert? Oder steiler formuliert: Sind sie bald Voraussetzung für viele Jobs?

Den Begriff der Bildungsinflation halte ich für preiswürdig bei der Wahl zum Unwortes des Jahres. Ein Mehr an Bildung ist etwas Positives. Bedenken, dass der eigene Abschluss vielleicht bald nichts mehr wert ist, sind nachvollziehbar. Das eigentliche Problem liegt im Konkurrenzgedanken unter den Akademikern und an dem Wegfall der Trennung zwischen wissenschaftlicher Ausbildung und unmittelbarer Beschäftigungsfähigkeit am Markt. Also noch ein Grund, um in seine außerhochschulische Entwicklung zu investieren – und zwar nicht wahllos, um möglichst viele Scheine zu sammeln, sondern um das Selbstbewusstsein zu entwickeln, dass ich brauche, um einen Personaler von meinen Fähigkeiten zu überzeugen.

Da sind wir wieder bei den Eingangsfragen. Zum Bewerberprofil gehört der ganze Mensch mit seiner Persönlichkeit und Praxiserfahrung. Wenn der akademische Erfolg nicht mehr das Unterscheidungsmerkmal ist, werden weitere Kriterien bei der Personalauswahl hinzukommen müssen. Der andere Aspekt ist ein gesellschaftspolitischer und volkswirtschaftlicher: Die Aufstiegs- und Verdienstmöglichkeiten in Ausbildungsberufen sind im Vergleich zu einem akademischen Werdegang begrenzt bis bescheiden. Es werden ursächlich nicht mehr Stellen entstehen, wenn es mehr Akademiker gibt, sie werden sich auf die vorhandene Stellen verteilen.

Frau Lautenschläger, vielen Dank für die ausführlichen Antworten.

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Regina Lautenschläger

Regina Lautenschläger ist Psychologische Managementtrainerin und Inhaberin von Pink Potential in Haar bei München.
Ihr Beratungs- und Trainingsangebot fokussiert sich auf Themen der beruflichen Orientierung und persönlichen Entwicklung. Nach ihrem Abschluss als Dipl. Geographin hat sie als Wissenschaftsjournalistin, Dozentin und PR-Frau gearbeitet und war Mitglied der Geschäftsleitung eines internationalen Hochschulnetzwerks.

Mehr unter: www.pinkpotential.de

 

Bildnachweise: © Fotolia.com/contrastwerkstatt

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