soziales_schuleDer Titel klingt widersprüchlich. Oder nach Marcel Proust und seinem Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Zeit aber kann man doch auch nicht verlieren, dann suchen und wiederfinden. Ja, man kann mit sinnloser Beschäftigung viel Zeit verlieren.

Aber das ist doch eine Redensart, die gar nicht konkret verstanden werden kann. In Proust’s Roman geht es um einen Ich-Erzähler, der Zeit vergeudet hat. Es ist ein Roman der Erinnerung. Und die Erinnerung spielt sich in der Vergangenheit ab, spielt auf die Vergangenheit an. Wir erleben unsere Kindheit als verlorene Zeit, also als eine Zeit, die unwiederbringlich verloren ist. Hat Wissen das gleiche Schicksal zu tragen?

Wissen der Vergangenheit

Wissen, welches verloren ist, kann nicht wiedergefunden werden. Oder doch? Wer schriftliche Quellen der Vergangenheit liest, der ahnt von Zeit zu Zeit, wie sporadisch und zufällig Wissen generiert wurde. Alchimisten probierten aus. So wurde von Paracelsius aus dem giftigen Antimonerz durch Transmutation ein Heilmittel entwickelt.

In einer Dissertation aus dem Jahre 1978 von David Schein im Fachbereich Medizin ging dieser der Frage nach, ob da ein früher bekanntes Heilmittel vielleicht in Vergessenheit geraten ist. Nach jahrelangen Untersuchungen mit der zeitadäquaten, nachgestellten Methoden bestätigte sich das Wissen rund um die Heilwirkung von Antimon, das bereits von den Ägyptern bei Augenkrankheiten eingesetzt wurde. Das ist nur ein Beispiel, wie altes Wissen wiederentdeckt werden kann.

Interdisziplinäre Anstrengungen auf breiter Ebene sind notwendig

Um zu behalten und zu pflegen, was mal gewusst wurde, was mal in der Praxis erfolgreich angewendet wurde, muss man zunächst einmal eine gewisse Demut gegenüber den vielen Geistes- und Naturwissenschaftlern der Vergangenheit an den Tag legen. Die heutige Gegenwartsarroganz gegenüber Kulturen der Vergangenheit verstellt häufig den Blick dafür, dass die Menschen vor zweitausend Jahren manches mehr wussten als wir heute. Römische Kulturtechniken wie Straßen- und Hausbau sind dann zum Ende der Spätantike in Westeuropa einfach über Jahrhunderte in Vergessenheit geraten, ohne dass man dem Frühmittelalter eine Arroganz gegenüber der Tradition bescheinigen könnte. Es fehlte in dieser Zeit häufig an Rezeptionsmöglichkeiten, um das Wissen auf breiterer Ebene wieder kultivieren zu können.

Heute dagegen stehen uns modernste Möglichkeiten zur Verfügung und doch fehlt es uns an einer inneren Einstellung, das Wissen der Vergangenheit auch unter interdisziplinärer Perspektive von Historikern, Naturwissenschaftlern, Mathematikern, Archäologen und anderen fachwissenschaftlichen Disziplinen aus den Archiven zurückzuholen. Es ist schade, dass wir es nicht schaffen, dieses Wissen, das mit den wenigen Quellen der Geschichte jeden Tag bedroht ist, quer über alle Kontinente wiederzubeleben und den Wert des vergänglichen Wissens für die Gegenwart neu zu entdecken. Wir sollten wie Ethnologen die Daten der indigenen Völker und der Geschichte sammeln, ihr Wissen schätzen und weiter nach Anwendungsmöglichkeiten in unserer neuen Welt suchen. Oder sind wir heute zu geschichtsvergessen und zu gegenwartsverliebt?

VN:F [1.9.22_1171]
Diesen Artikel bewerten
Rating: 0.0/10 (0 votes cast)