soziales_schuleGerade läuft in Deutschland wieder eine Debatte über die Vergleichbarkeit des Abiturs. Immer mehr Einser-Abiturienten lassen die Schlussfolgerungen zu, dass die Schüler heute entweder klüger sind als noch vor zehn Jahren oder der Erwartungshorizont mancher Länder zugunsten der Vielzahl an Abiturienten nach unten angepasst wurde (Quelle: Spiegel).

Obgleich in allen Ländern das Zentralabitur zur besseren Vergleichbarkeit eingeführt wurde, ab 2017 für das Abitur bundesweit sogar ein gemeinsamer Aufgabenpool geschaffen werden soll, ist die Diskussion um Gerechtigkeit müßig. Die Bildungsungleichheit beginnt in den Regionen, in denen junge Menschen aufwachsen. Das ist schon in Deutschland so, in Europa aber umso stärker.

Wie macht sich Bildungsungleichheit bemerkbar?

Es macht für junge Menschen einen Unterschied, ob sie eine Stunde für den Weg zur Schule brauchen oder fünf Minuten. Für Fahrschüler mit langen Wegstrecken ist der Energieaufwand viel höher. Ihre effektive Lernzeit wird dadurch bereits verkürzt. Deswegen kann man aber schlecht die Regionen oder das Umland abschaffen. In größeren Städten mit Problemvierteln kommt der Punkt Herkunft und die Lage der Schule hinzu. Was an unterschiedlichen Gymnasien in einem Bundesland erwartet wird, ist so unterschiedlich wie Tag und Nacht.

Das Zentralabitur hat diese Unterschiede nicht aufheben können. Bildungsungleichheiten beim Abitur äußern sich so, dass manche Abiturienten mit Einser-Zeugnis über weniger Allgemeinwissen verfügen als Gleichaltrige mit einem eher mäßigen Abiturzeugnis. Würden bundesweit und fächerübergreifend wieder Hochschulaufnahmetests eingeführt werden, wäre diese Diskrepanz deutlich sichtbar. Ein Studiengang, der mit einem strengen N.C. (Numerus Clausus) behaftet ist, sagt also noch nichts über die Qualität der später aufgenommenen Studenten aus.

Europaweite Ungleichheiten

Jeder Student aus dem Ausland kennt das Prozedere hierzulande, vor Einschreibung in einen Studiengang die Vergleichbarkeit der erworbenen Leistungen sicherzustellen. Dafür sind Prüfungsämter und Experten der Fachbereiche verantwortlich. Letztere haben in der Regel überhaupt keine Ahnung von Notensystemen im Ausland. In Polen ist die Note 6 eine 1. Sie wird dort so gut wie nie vergeben.

Gerechtigkeit durch adäquate Umrechnung? Unmöglich. Was schon auf nationaler Ebene nicht klappt, kann auf europäischer Ebene schon zweimal nicht klappen. Mein dringender Rat im Sinne der Gerechtigkeit ist: Wir sollten fächerübergreifend an Hochschulen und Fachhochschulen dringend wieder Aufnahmetests einführen, damit wirklich jeder die gleiche Chance auf einen von ihm gewünschten Studiengang hat.

Notenverfälschungen und Fehlsteuerungen

Während es in Thüringen 38% Einser-Abiturienten gibt, haben die Schüler in Bayern es offensichtlich härter, einen solchen Notendurchschnitt zu erreichen. Die eigentlich beabsichtige Qualitätssteuerung durch den N.C. hat häufig fatale Folgen. Wirklich Begabte für einen anvisierten Fachgang scheitern an einem Notendurchschnitt, der aus einem überwiegenden Teil durch fachgangunerhebliche Zensuren mitbestimmt wurde. Für junge Menschen kann der Weg damit schon am Ende sein, ohne dass er beschritten werden konnte.

Diese verschlossene Notentür lässt junge Menschen schnell in andere Studiengänge herumirren, ohne dass sie dafür geeignet sind oder diese mit Leidenschaft ausfüllen. Die Gleichung Fachbegabung gleich Notendurchschnitt hat noch nie funktioniert. Das Abitur hat unabhängig davon einen hohen Wert. Als Eignungstest für einen Studiengang ist der Aussagewert aber relativ. Relativ ungenau. Das können wir uns in Zukunft nicht mehr leisten. Nicht in Deutschland. Nicht in Europa.

 

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