soziales_schuleNoch im Jahre 2008 warnte die OECD mit ihrer Studie „Bildung auf einen Blick“, dass es Deutschland an Akademikern fehle, nur 21,2 Prozent der maßgeblichen Altersgruppe einen tertiären Ausbildungsgang absolviert habe. Diese im Vergleich zu anderen europäischen Ländern niedrige Zahl setzte einige Bildungsforscher in Aufregung und ließ Rufe nach einer neuen Akademisierungsoffensive laut werden. Heute stellt sich die Wirklichkeit anders dar, denn die Bildungssteuerung durch Bund und Länder nimmt absurde Züge an und entwertet unser sonst so gelobtes duales Ausbildungssystem.

Kopfgeld und Abschlussprämien

Zahlen sollen unsere Welt vergleichbar machen. Die Welt ist eine Statistik geworden. Gleichzeitig ist sie statisch geworden. Wenn ich Zahlendaten auf Äpfel und Birnen anwende, hinken solche Vergleiche schnell, es sei denn, man spricht von der Kategorie Obst. Gut. Sprechen wir daher von der Kategorie Ausbildung.

Nach dem Schulabschluss gibt es in Deutschland mehr oder weniger zwei Wege. Entweder absolvieren junge Menschen erst einmal eine Berufsausbildung oder sie absolvieren ein Studium. Beides kostet. Für die Hochschulausbildung bekommen die Ausbilder, also die Hochschulen, mit dem Hochschulpakt III, der nächstes Jahr in Kraft tritt, 18 000 Euro pro Auszubildenden (Studenten), während Ausbildungsunternehmen der freien Wirtschaft diese Kosten der Auszubildenden selbst tragen und erwirtschaften müssen.

Äpfel und Birnen, sagen jetzt einige, die ahnen, worauf ich hinaus will. Wir sind uns aber in einem Punkt zumindest einig, oder? Beides bleibt Obst oder Ausbildung. Das Land NRW zahlt Hochschulen aufgrund der noch immer zu hohen Studienabbruchquote sogar ab 2016 eine Abschlussprämie von 4000 Euro für das Erststudium. Über Abbrecher in der beruflichen Ausbildung spricht man nicht.

Äpfel und Birnen wachsen auf Bäumen, aber nicht in den Himmel

Man stelle sich vor, man täte gleiches für die vielen kleinen und mittelständischen Ausbildungsunternehmen, die das Rückgrat der deutschen Wirtschaft sind. Wer die Gleichwertigkeit beider Ausbildungswege betont, sie nicht gegeneinander ausspielen möchte, sollte Unternehmen eine ähnliche Perspektive in Aussicht stellen. 18 000 Euro für jeden Auszubildenden. Und 4 000 Euro Prämie für den Abschluss der Ausbildung.

Das ist nicht finanzierbar, und ich befürchte, dass in dieser subventionierten Willkür ganz nach politischer Perspektive und Gestaltungsmöglichkeit der duale Ausbildungsweg nach und nach seinen Wert verliert. Äpfel und Birnen wachsen auf Bäumen, aber nicht in den Himmel. Wer fruchtbare Bäume falsch beschneidet oder die einen gießt und die anderen vertrocknen lässt, darf sich nicht wundern, wenn Bildungsmonokulturen entstehen. Was in der Landwirtschaft längst Realität ist, entsteht nun auch in der Bildungslandschaft. Das Stichwort heißt Akademikerschwemme.

Hochschulförderung und die stärkere Verzahnung mit der Praxis

Man kann den chronisch unterfinanzierten Hochschulen keinen Vorwurf machen. Sie nehmen das, was sie bekommen können. Bildungswege entstehen eben auch mit den Geldflüssen. Aber die Fehlanreize, die in der Bildungspolitik derzeit entstehen, weil das Thema Bildung eines der wenigen Themen ist, das der Politik und den Ländern noch nationale Gestaltungsmöglichkeiten bietet, werden noch wesentlich stärker zum Fachkräftemangel führen.

Denn neu ausbilden müssen die Unternehmen schließlich auch die Akademiker, die mit ihren Abschlüssen ihren beruflichen Neustart in der Wirtschaft bestreiten sollen. Jedes Unternehmen hat über Jahrzehnte schließlich eigene Strukturen und eigene Prozesse entwickelt, die an den Hochschulen egal in welchem Fachgang in der Tiefe gar nicht vermittelt werden können.

Es wäre daher mehr als gerecht, wenn die im Hochschulpakt bereit gestellten Gelder auch der Wirtschaft unmittelbar zugutekommen würden. Das geht dauerhaft nur in einer stärkeren Verzahnung von Theorie und Praxis, einer stärkeren Einbindung von kleinen und mittelständischen Unternehmen in die Ausbildungsinhalte von Universitäten. Studienverlaufspläne müssen bei aller Unabhängigkeit von Forschung und Lehre inhaltlich noch viel stärker an die Praxis gebunden werden. Dafür ist ein intensiverer Diskurs von Hochschuldozenten und Unternehmen wichtig. Einen anderen Weg für eine dauerhaft bessere Ausbildungsqualität sehe ich nicht.

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