Kolumne-4Ein neues Hochschulgesetzt in NRW hat zum Wintersemester 2014/2015 viele Universitäten verschreckt, weil es nach einem neuen Passus für Seminare und Wahlpflichtseminare keine Anwesenheitspflicht mehr gibt. Vor wenigen Wochen erschien in der Wochenzeitung „Die Zeit“ ein Beitrag der ZEIT-ONLINE-Redakteurin Anne-Kathrin Gerstlauer, die den Studenten gar empfahl, zu Hause zu bleiben

Prompt folgte in der Wochenzeitung eine Replik von Danae Ankel und Stephan Liedtke, die die Präsenz der Studenten nicht nur als eine Wertschätzung gegenüber der Arbeit der Dozenten einklagten, sondern darin eine unumgängliche didaktische Notwendigkeit sahen.

Seither wird das Thema sowohl in Hochschulen als auch außerhalb der Hochschulen konträr diskutiert. Einer der Hauptangriffspunkte gegen die Anwesenheitspflicht sind dabei Lehrveranstaltungen, die per Power-Point-Folien von Professoren abgelesen werden und eben keine Präsenz der Studenten erfordern. Das ist wirklich ein falscher Trugschluss, verkürzt die Debatte mit einer unfairen Abwertung und führt zu fatalen Wirklichkeitsverschiebungen.

Dann will man in einem Unternehmen arbeiten, aber keiner kommt zur Arbeit

Ja, eine ziemlich dämliche Analogie zum Berufsleben, die diese Zwischenüberschrift andeutet, scheint es. Da werden doch auch bereits in vielen Unternehmen Home-Office-Stellen zwecks besserer Vereinbarkeit von Familie und Beruf geschaffen. Letzteres gilt aber auch nur für bestimmte Arbeitsplätze, in denen der standardisierte Workflow dies erlaubt. Wer an dynamischen Prozessen im Unternehmen aktiv mitarbeitet, wird auch weiterhin präsent sein müssen.

Und wer die Hochschullehre als aktiven und interaktiven Prozess begreift, in dem die Studenten im Mittelpunkt der Veranstaltung stehen sollen, kann nicht ernsthaft der Meinung sein, eine Anwesenheitspflicht sei nicht vonnöten. Aus Perspektive jedes einzelnen Studenten gibt es täglich unzählige Gründe, nicht zur Uni zu gehen. Die meisten davon sind keine. Wer im Studium reines Entertainment der Dozenten erwartet, sollte sich vielmehr hinterfragen, was sein Verständnis von Wissenschaft ist und ob er sich für das richtige Studium entschieden hat. Gute Dozenten werden trotz fehlender Anwesenheitspflicht trotzdem weiter volle Hörsäle sehen, heißt es lapidar. Das ist schlichtweg falsch, denn wenn zu Beginn der Veranstaltung schon keiner mehr kommt, erübrigt sich jede Einschätzung.

Eine jüngere Studie zur Qualität in Schulen, die von McKinsey vorgenommen wurde, hat belegt, dass die Qualität der Lehrer der wesentliche Schlüssel zu besseren Lernleistungen der Schüler ist. Die didaktische Schulung des Hochschulpersonals spielt daher eine überragende Rolle. Hier aber sind an vielen Hochschulen noch nicht einmal ausgereifte Maßnahmen und Konzepte gereift, um das wissenschaftliche Personal didaktisch zu schulen. Und selbstverständlich gibt es über den Präsenzunterricht hinaus didaktische Methoden, die das Selbststudium anregen sollen. Diese sind notwendige Ergänzung, aber eben kein Ersatz für den Präsenzunterricht, der neben Sozial- auch Präsentationskompetenzen vermitteln soll.

Der einfache Weg zum Ergebnis

Keinem Dozenten bereiten anwesende Abwesende im Hörsaal Freude. Es gibt allerdings Fächer und Lernstoff, und das muss man ehrlicherweise hinzufügen, die sind nur schwer in einem begeisternden Lehrstil zu vermitteln. Das Berufsleben wird den jetzt Studierenden später auch nicht jeden Tag Spaß machen. Der einfache Weg zum Ergebnis wäre für die Befürworter der neuen Regelung aber, die Skripte zu Hause zu lernen. Und doch ist das gesprochene Wort nachhaltiger, wenn danach zu Hause der Stoff noch einmal nachbereitet wird. Einfach zum Ende des Semesters zur Prüfung zu gehen, um sich die nötigen Credit Points abzuholen, käme mittelfristig einem Sterben des Hochschullebens gleich. Das kann nicht das Ziel sein.

 

VN:F [1.9.22_1171]
Diesen Artikel bewerten
Rating: 0.0/10 (0 votes cast)