Bild2Weniger Kinder, mehr Bildung. Kürzer, schneller, pragmatischer. Multifunktional und produktiver. So oder ähnlich könnte die Bildungswelt von morgen aussehen. Geht das alles in einen Kopf? Und wenn ja, in wie viele Köpfe? Wissen verflüchtigt sich, wenn es nicht verfestigt werden kann. Erlerntes wird schnell durch neue Inhalte und Methoden überholt.

Man hat den Eindruck, die Bildungswelt überholt sich heute selbst, getrieben durch Innovationsdruck und zunehmende Ergebnisorientierung. Müde sind die Abiturienten, die gerade das Zentralabitur bestreiten. Müde sind auch die Studenten, wenn sie im Semester von Prüfung zu Prüfung eilen. Und natürlich alle in der Arbeitswelt, die jährlich zig Fortbildungen nach einem harten Arbeitstag absolvieren, um auf dem Markt interessant zu bleiben. Überfordert sich unsere Gesellschaft beim Thema Bildung?

Wie eine Reise bei 180 Stundenkilometern

Welche Landschaften bleiben bei 180 Stundenkilometern auf der Autobahn in Erinnerung? Kaum eine. Bildungsreisende der Moderne jagen über Themen wie Autos über Straßen. Das Ziel ist wichtig, der Weg steht im Weg. Auf der ständigen Suche nach Abkürzungen und Verkürzungen werden alle Seiten erfinderisch. Nachhaltige Bildung sieht aber anders aus. Sie findet in Köpfen statt, nicht auf digitalisierten Autobahnen.

Man hat den Eindruck, dass die ständigen Forderungen nach mehr Digitalisierung wie ein Manna heruntergebetet werden. Das ist keine inhaltliche Auseinandersetzung mit der Bildungswelt von morgen. Wie wichtig das Engagement und die Vermittlungskompetenz von Lehrern und Lehrenden sind, geht in dieser Debatte um technische Beschleunigungsprozesse unter. Es gibt weder eine Computerpädagogik noch eine Bildung auf Knopfdruck.

Bildungsstandardisierung auf Kosten der persönlichen Entfaltung

Welche kreativen Freiräume bekommen junge Menschen heute noch an der Schule oder an der Uni? Die Reifeprüfung, das Abitur, sagt längst nichts über die Reife eines Menschen aus. Hat sie wohl auch nie. In komprimierten Lerninhalten, die dem Gesetz der Geschwindigkeit folgen, finden junge Menschen immer weniger eine Chance, sich und ihre Potentiale zu entdecken. Ich habe mehr und mehr den Eindruck, dass ihnen im Curriculum zunehmend lieblos Inhalte vorgesetzt werden, die sie gleich Spinat essenden Kindern herunterwürgen müssen. Je einheitlicher alles wird, desto vergleichbarer wird alles. You cannot manage, what cannot measure.

Aber es ist eine Illusion, jemals den messbaren Bildungsmenschen kreieren oder managen zu können. Ich bin daher dafür, dass unsere Bildungswelt von morgen in ihren Inhalten wesentlicher stärker von denen mitgeprägt wird, die es angeht. Wie das aussehen kann? Mehr Projektwochen und Wahlpflichtkurse. Mehr Vernetzung mit der Praxis. Schulen und Universitäten führen noch immer zu stark ein Eigenleben. Menschen erlangen ihre Bildungsreife erst durch Praxiserfahrungen.

Die Stärkung der Eigenverantwortung und die engagierte Projektbegleitung durch Lehrer und Lehrende sind wichtige Bausteine eines Ansatzes, der die lernenden Generationen zukunftsfähig macht. Was bei Auszubildenden immer gut funktioniert hat, sollte zu einem übergreifenden Lernmodell werden. Auszubildende durchlaufen während ihrer Ausbildungszeit unterschiedliche Abteilungen. Sie bekommen eine Gesamtüberschau über betriebliche Prozesse, machen wichtige Erfahrungen mit unterschiedlichen Menschen.

Wiedereinführung des G 9 mit eingebauten Praxisphasen in der Einführungsstufe

Ich bin für die Wiedereinführung der G 9 mit stärkerer Praxisorientierung für diejenigen, die das Abitur machen wollen. Nach der mittleren Reife, die Schüler nach der zehnten Klasse erlangen, gäbe es eine gute Gelegenheit, das Modell einzuführen. Schüler können sich vorher bei Unternehmen bewerben, die sie interessieren. Sie könnten im Block Präsenzzeiten beim Unternehmen als auch in der Schule absolvieren.

Dieser Ansatz stärkt die Eigenverantwortung junger Menschen für ihren eigenen Weg, gibt ihnen wichtige Einblicke in die Arbeitswelt und fördert ihre die sozialen Kompetenzen. Inhaltlich müsste die Orientierungsstufe (früher die 11. Klasse) in den Lerninhalten angepasst werden. Warum sollte das nicht möglich sein? Es gibt ja auch viele Schüler, die zu diesem Zeitpunkt ein Auslandsjahr machen. Und viele Unternehmen in Deutschland wären allemal interessiert, da sie ohnehin darüber klagen, immer weniger Auszubildende zu bekommen.

Dieser ganzheitliche Ansatz bietet ihnen bei Eignung der Schüler sogar die Möglichkeit, mittelfristig den weiteren Weg durch die Förderung eines dualen Studiums mit zu begleiten. Ach ja, die Bildungswelt von morgen könnte so spannend sein.

 

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