Students taking notes while their classmate is raising her handViele wissenschaftliche Mitarbeiter an Universitäten und Fachhochschulen befinden sich in einer prekären Beschäftigungssituation. Sie folgten der Pfadtheorie und bemühten sich darum, möglichst nahe an Themen zu arbeiten, die sie im Laufe ihres Studiums für wichtig befanden.

Was sie jahrelang erhielten, waren Teilzeitbeschäftigungen, befristete Verträge, projektgebundene Stellenfinanzierungen und die Hoffnung auf dauerhafte Beschäftigung. Was sie heute in der Realität erleben, ist größtenteils hoffnungslos. Und der demografische Wandel wird zu einem dramatischen Hochschulsterben führen, wenn von den Hochschulen nicht bald altersdiversifizierende Strategien eingeleitet werden.

Die Not macht jetzt schon erfinderisch

Viele Hochschulen sind längst dabei, duale Studiengangkonzepte zu entwickeln, Studienbriefe zu digitalisieren und auf Lernplattformen Studenten zu Hause zugänglich zu machen. Personalintensive Präsenzzeiten werden so abgebaut, eine Flexibilisierung der Studienzeiten vorangetrieben. In Zeiten, wo jüngst die Anwesenheitspflicht von Studenten gelockert worden ist wie im Bundesland NRW, werden digitale Lernformen immer interessanter.

In Zeiten, in denen die Studierendenzahlen maßgeblich für das Budget einer Hochschule und ganzer Fachbereiche sind, wird es mit abnehmender Zahl zu einem Hochschulsterben kommen. Das sind einfache Ökonomisierungsprozesse, die den kompletten Bildungssektor betreffen werden. Entsprechend werden mehr und mehr ausländische Hochschulpartnerschaften geknüpft, werden Franchise-Studiengänge ausgearbeitet, tut man vieles dafür, keinen so dramatischen Einbruch erleben zu müssen. Allein das Problem der prekär Beschäftigten ändert sich dadurch nicht. Mit dieser Perspektive kann ihnen keine Hochschule eine sicherere geben.

Unterfinanzierung kann zu fragwürdigen Partnerschaften führen

Die absehbare Unterfinanzierung der Hochschulen wird einige Strategen zwangsläufig dahin bringen, geeignete Partnerschaften mit Unternehmen aus der Wirtschaft zu knüpfen. An privaten Hochschulen ist das schon jetzt Alltag. Wenn die eigenen Mittel klamm werden, interessieren auch keine Bedenken mehr, ob die wissenschaftliche Unabhängigkeit in Lehre und Praxis durch interessenfinanzierte Projekte bedroht werden könne. Die Wirklichkeit geht am hehren Anspruch der Qualitätssicherung mittelfristig vorbei. Die mitunter fragwürdigen Partnerschaften werden bald schon über die Existenz von Hochschulen entscheiden.

Die Entdeckung einer neuen Bildungsgeneration

Mittelfristig, das sage ich voraus, werden Universitäten noch viel mehr Best-Ager in den Blickpunkt ihrer Marketing-Maßnahmen nehmen. Wurde vor wenigen Jahren das Thema „Studieren im Alter“ noch etwas stiefmütterlich behandelt, so könnte die Generation 50plus zu einer interessanten Gruppe für die Hochschulzukunft werden. Zum einen sind ihre Bildungsbiografien vor wenigen Jahrzehnten noch recht unterakademisiert gewesen, zum anderen dürften viele über ausreichende Mittel ihrer Studienfinanzierung verfügen.

Last und Lust der Beamten im Hochschulbereich

Eine der spannenden Fragen wird sein, wer die Personalkosten übernimmt, wenn verbeamtete Professoren später in leeren Hörsälen dozieren. Das ist keine Gespensterdebatte, denn auf der einen Seite müssen sich zunehmend autarke Hochschulverwaltungen neue und kreative Strategien über Programme und Partnerschaften einfallen lassen, zum anderen bleiben die Länder mit der Besoldung im Boot und haben weniger Einfluss auf die Hochschulpolitik vor Ort.

Die Lust der Beamten im Hochschulbereich steht und fällt daher mit dynamischen und nachvollziehbaren Entscheidungen von Hochschulpräsidenten und Dekanen in Fachbereichen. Letztere werden immer stärker zu Bildungsmanagern und müssen noch viel mehr als früher strategisch nachhaltig denken. Die Qualität in Lehre und Wissenschaft sicherzustellen und fortzuentwickeln, ist sicher eine sehr gute Strategie. Aber allein wird sie nicht mehr ausreichen. Daher müssen sich Hochschulverwaltungen und Fachbereiche noch viel stärker austauschen, um dauerhaft zukunftsfähige Modelle für das Studium im Alltag zu entwickeln.

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