Studenten in Vorlesung an der UniversitätDas Studentenleben ist geprägt von Prüfungen, Praktika und Hausarbeiten, die fast übergangslos ineinander übergehen – und hat damit die Unbeschwertheit verloren, die ihm lange Zeit nachgesagt wurde. Der Leistungsdruck steigt und geht Hand in Hand mit der verbundenen Zukunftsangst und Geldsorgen. Manchen Studenten wird das zu viel.

Um dennoch die erwartete Leistung abzurufen, greifen sie zu leistungssteigernden Substanzen. Das geschieht oft in Form von verschreibungspflichtigen Medikamenten, die „off label“ benutzt werden – also anders, als für den eigentlichen Zweck gedacht. Medikamente wie Ritalin oder auch Modafinil können hierfür in Frage kommen. Ersteres wird Patienten mit Aufmerksamkeitsstörungen verschrieben, letzteres ist hauptsächlich für Narkoleptiker gedacht.

Werden diese Medikamente aber von Nicht-Betroffenen zweckentfremdet, bewirken sie eine erhöhte, tunnelartige Konzentrationsfähigkeit oder aber steigern die allgemeine Leistungsbereitschaft. Beides sind Eigenschaften, die während einer Lernphase durchaus erwünscht sind. Gerade weil diese Lernphasen aber immer enger aneinander gereiht sind, haben Studenten dazwischen weniger Zeit, sich zu regenerieren und so aus eigener Kraft heraus den ansteigenden Ansprüchen zu genügen.

Karriereorientierte Studiengänge sind besonders betroffen

Dissatisfied Business LadyDen Missbrauch von Substanzen zur Leistungssteigerung lässt sich mittlerweile in allen Studiengängen finden. Seit der Einführung von Bachelor/Master-Studiengängen ist das Studium noch strenger durchgetaktet, zumal wirkt sich der tendenziell erhöhte Anlauf auf die Universitäten zusätzlich auf den Leistungsdruck des einzelnen Studenten aus. Die Konkurrenzmentalität wird automatisch gefördert – und so auch der Zwang, mit dem Studium möglichst exzellent und in dem vorgegebenen Zeitrahmen abzuschließen.

Besonders aber sind immer noch die betont karriereorientierten Fächer betroffen. U.a. Juristen, BWLer oder Mediziner leiden unter dem Druck, nicht nur optimale Leistung zu liefern, sondern auch mit Hinblick auf ihre weiterführende Karriere durch Praktika und sonstige Zusatzleistungen ihren Lebenslauf gradlinig und zielstrebig auszubauen. Kaum einer, der das Studium ohne eine Krise durchsteht. Medikamente können da schon mal den idealen Lösungsweg vorgaukeln, um aus diesen Krisen zu kommen. Nebenwirkungen wie Schlafstörungen, Herzrasen oder Stimmungstiefs werden bewusst in Kauf genommen. Das eigentliche Problem – der eigene Umgang mit Leistungsdruck und Versagensängsten – wird stattdessen nie angegangen.

Ganz abgesehen davon, dass die Langzeitnebenwirkungen eines solchen Missbrauchs bei Gesunden nicht ausreichend erforscht sind: Es zwingt sich dem Einzelnen die falsche Schlussfolgerung auf, dass es ohne nicht geht. Auch wenn das Vorhaben da ist, das nächste Mal auf eine off label-Medikamenteneinnahme zu verzichten, so scheitert dies oft an dem Druck, der mit steigender Semesterzahl intensiviert wird. Der Student befindet sich in einer Spirale, die immer schwerer wird, von alleine zu durchbrechen.

Langfristig kein Erfolg

Pillen sind kein Ersatz für aktives Lernen und können das auch niemandem abnehmen. Sie werden auch nicht die eigene Intelligenz oder Begabung für das Fach steigern können. Anstatt Stärken zu fördern, werden vermeintliche Schwächen wie Müdigkeit und Überforderung kaschiert und nicht mehr direkt wahrgenommen. Dabei sind das wichtige Signale, auf die gehört werden sollte. Und so sind die Effekte einer solchen vermeintlichen Leistungssteigerung subjektiv. Denn bei dem Abklingen der Wirkung finden sich Studenten oft erschöpfter wieder als vor der Einnahme, da sie nicht auf die Zeichen ihres Körpers achten und sich nicht die Pausen nehmen, wenn es nötig und natürlich ist. Am Ende findet eine solche künstlich herbeigeführte Leistungssteigerung immer auf Kosten des eigenen Energiehaushaltes und der Gesundheit statt.

Schlussendlich muss jeder lernen, mit Leistungsdruck von selber fertig zu werden. Denn wer auch ohne große Konsequenzen zu erleiden mit den chemischen Hilfestellungen durch sein Studium kommt, muss sich spätestens im Arbeitsleben seine Kräfte vernünftig einteilen können. Ohne Hilfsmittel. Denn bei einem Medikamentenmissbrauch ist grundsätzlich mit psychischen und physischen Nebenwirkungen zu rechnen.

Was können Betroffene also tun? Der erste Ansprechpartner kann die psychologische Beratung sein, die an den Universitäten angeboten wird. In der Regel kann hier an einem Lösungsweg raus aus dem Kreislauf Medikamente-Leistungsdruck gearbeitet werden oder zumindest an geeignete Hilfestellen weiter überwiesen werden.

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