Kolumne-4In einem Restaurant bekommt der Gast ein Menu, das er bestellt hat. Ob er damit zufrieden ist, ist eine andere Sache. Er hat eine bestimmte Auswahl und stellt mehr oder weniger hohe Erwartungen an die Qualität des Gerichts. Man stelle sich vor, man gehe in eine Schule und bestelle einmal Bildung in Physik, Chemie, Biologie oder Englisch. Es wäre anders.

Während es im Restaurant beim Essen weitestgehend auf den Koch ankommt, die freundliche Bedienung ein schlechtes Essen kaum weglächeln kann, stehen die Bildungsvermittler allein in Räumen da und müssen das Wissen so schmackhaft wie möglich verteilen. Was aber, wenn immer weniger Menschen einen wirklichen Hunger nach Bildung verspüren? Wer geht schon ins Restaurant, wenn er keinen Hunger hat?

Überreizte Sinne und schnelllebige Kost

Die neuen Medien sind der größte und effektivste Bildungsverteiler. Das sollte man meinen. Die Quantität der Nachrichten, die bildungsrelevant sind, sprengt jede Vorstellungskraft und könnte in seiner Gesamtheit weltweit als Archiv des Wissens gelten. Was alles angelesen werden kann, entspricht indes nicht der Lebenswahrheit: Gut gekaut, ist halb verdaut! Gekaut wird nicht mehr, gelesen werden häufig Überschriften und Einleitungen, die halbwegs interessant erscheinen. Der Rest wird vermutlich überlesen, auch wenn es dazu noch keine wirklich belastbare Studie gibt.

Bei den Nachrichten ist erstaunlich, dass die Resonanz auf medial schon länger breit getretene Themen weitaus höher zu sein scheint als die der Themen, die die Magazine und Tageszeitungen online so mitschleifen, weil sie noch einen gewissen Anspruch auf Vollständigkeit haben. Indiz dafür ist die Zahl der Kommentare. Quantität spielt in der virtuellen Bildungswelt eine große Rolle. Und Geschwindigkeit. Die überreizt zwangsläufig die Sinne und lässt kaum mehr einen kritischen Gedanken entfalten.

In welcher Form Menschen sich via Internet bilden, folgt anderen Gesetzen. Wikipedia ist nicht umsonst das beliebteste, virtuelle Nachschlagewerk, um schnell in ein Thema einzusteigen. Die Artikel sind kurz, übersichtlich und ergebnisorientiert. Auch Lehrer und Dozenten nutzen es, wenngleich es noch einige gibt, die das ungern zugeben. Aber bei vielen sich Bildenden hört es dann auch auf. Thementiefe erhält man woanders. Quantität beeinträchtigt eben die Qualität. Das ist in der industriellen Massenproduktion so und gilt ganz besonders für die Bildung. Es fördert kaum den Hunger.

Wer Hunger hat, bildet sich auch mit anderen Medien

Die virtuelle Bildungswelt ist ein Menu mit unendlich vielen Angeboten. Man kann sich im Medium verlieren und wichtige Lernstrategien verpassen. Das schnelle Klicken und Scrollen kann die Konzentrationsleistung beeinträchtigen. Die Gefahr der Ablenkung ist groß, insbesondere für junge Menschen, die online bereits aufgewachsen sind. Die Vorteile können sich zu Nachteilen verkehren, wenn das Internet zur alternativlosen Quelle der Bildung wird. Eine alternativlose Bildung sollte es in einer Demokratie mit Presse- und Meinungsfreiheit ja auch nicht geben.

Es bleibt daher die Aufgabe von Menschen, den Hunger nach Bildung zu vermitteln, sie zum kritischen Mitdenken und Nachdenken anzuregen. Eine Grippe überträgt sich leichter als Bildung. Dafür macht sie weniger Spaß. Wer George Orwell gelesen hat, weiß um die Bedeutung der Bildungs- und Meinungsvielfalt. Deswegen sind viele Bildungsangebote gut. Noch wichtiger ist aber die Qualität. Zu der tragen wir alle bei.

 

 

 

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