kind1Werde ich in der Klasse wahrgenommen? Im Seminarraum? Im Hörsaal? Im Betrieb? Und wenn ja, wie oft und wie überhaupt? An diesen Fragen bleiben wir alle mal mehr oder weniger hängen. Wir gehen dann in uns, beobachten die vielen Marktschreier, die immer schnell einen Pulk um sich finden, während wir wie Kinder, die an Vitaminmangel leiden, lust- und antriebslos nur daneben stehen. Einige von uns kommen dann zur Schlussfolgerung: Ich muss mich ändern, muss mir mehr Gehör verschaffen, muss lauter werden. Andere wiederum können oder wollen das nicht. Sie leiden darunter. Oder: Sie machen da eine Tugend raus.

In der Schulklasse

Mündliche Beteiligung im Unterricht? Nein. Selbstbewusstsein? Geht so. Meine Lehrer sagen auf den Elternsprechtagen immer dasselbe. Ich muss mich mehr melden, muss mich mehr beteiligen. Aber die anderen sind schneller und lauter. Ich kann mich nicht durchsetzen. Ich bin immer so nebenbei, wenn ich dabei bin. Und ich leide darunter. Keiner meiner Freunde ist mehr Durchschnitt. Alle sind schriller und interessanter als ich.

Ja, diese stillen Vertreter gibt es heute noch in der Schule. Vielleicht sind sie sogar die schweigende Mehrheit. In jedem Fall sind sie interessanter als sie meinen, interessanter als diejenigen, die nur oberflächlich für Aufsehen sorgen. Warum? Weil die stillen Vertreter noch die Gabe der Beobachtung entwickeln, während die Marktschreier nur einen beobachten. Sich.

Im Hörsaal

Die Selbstbeobachter und Marktschreier werden spätestens hier erfahren, dass sie nie die Gabe des Zuhörens entwickelt haben. Sie sind auf Skripte und intensive Nachbereitung des Stoffes angewiesen, weil sie stetig selbst Live-Auftritte haben und sich irgendwann nicht einmal mehr selbst hören können. Irgendwann werden sie erschöpft sein, von sich und von der Welt im eigenen Fokus, denn das Gerangel um Aufmerksamkeit ist anstrengend, macht müde, macht leer.

Die stillen Vertreter dagegen bringen jetzt ihre stillen Reserven ein, die reichhaltig sind, weil sie ihre Energie an den richtigen Stellen einsetzen und sich vorher nie den Mund verbrannt haben. Sie sind schon länger etwas erwachsener als die lauten Klassenkameraden von damals, und das kommt ihnen nun zugute.

Im Unternehmen

Die stillen Vertreter von damals sind ein bisschen still geblieben, aber wenn sie etwas sagen, hört man ihnen zu, bewundert ihre Umsicht im Gespräch, ihre Gabe des Zuhörens, ihre Problem-Lösungs-Kompetenz. Sie sind nun Führungkraft im Unternehmen. Und das ist gut so. Ihre einstige Bewunderung für die Marktschreier von damals hat sich längst zu einem Selbstbewusstsein entwickelt, das sich an Sachkompetenz und innerer Festigkeit orientiert und eine beruhigende Ausgeglichenheit auf die Kollegen ausstrahlt.

Die Leidensjahre in der Schule sind vorbei. Und das Gerangel um Aufmerksamkeit, das noch heute herrscht, wird mit einem müden, aber glücklichen Lächeln beantwortet. Langweilig? Ansichtssache. Hauptsache Bildung.

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