Bild2Wir stecken heute mitten in der Aufklärung, bilden uns, bilden uns Meinungen. Am Ende von Diskursen sagen wird dennoch häufig: Ich glaube zu wissen. Ist unsere aufgeklärte Bildungswelt paradox, spiegelt sie Wissenssicherheiten vor, die letztlich doch wieder in Glaubenssätze münden? Ist das die Quadratur des Kreises?

Der moderne Mensch glaubt der Wissenschaft und ihren Prinzipien wie der mittelalterliche Mensch an Gott glaubte. Die Entpersonalisierung, die Objektvierung der Realität und die Fokussierung auf Detaildurchdringung haben viele komplizierte Sachverhalte in den letzten zweihundertfünfzig Jahren offengelegt. Die Denkfähigkeit jedes Einzelnen ist mit der Aufklärung in den Blickpunkt geraten. Der Kopf ist zum symbolischen Leuchtturm dieser zivilisatorischen Entwicklung geworden. Höher geht es nicht.

Mit der globalen Digitalisierung und Technik-Revolution aber scheint sich eine neue Parallelwelt aufzubauen, die aus dem Kopf von Menschen entstanden ist und an diesem immer mehr vorbeigeht. Automatisierungsprozesse und automatisierte Prozesse erfordern kein Nachdenken mehr. Leistung wird nun ohne spürbare menschliche Anstrengung produziert. Ist unsere beschleunigte Moderne ihren Erfindern zu weit vorausgeeilt und nicht mehr einholbar?

Unterhaltung und Sinnkrise der Moderne

Ich denke, also bin ich. In automatisierten Prozessen braucht der Mensch aber nicht mehr zu denken, sondern er kann sich mit viel mehr Zeit der Unterhaltung widmen. Er vertraut Vorgängen und Maschinen. Es wird zum passiven Beobachter einer perfekter werdenden Welt. Er glaubt zu wissen. Fernsehen und Internet haben sich so zu reinen Unterhaltungsmedien entwickelt. Die Abschaffung dieser Medien käme der Abschaffung des modernen Menschen gleich.

Noch nie ist eine Erfindung des Menschen in der Geschichte zurückgenommen worden, soweit sie einen scheinbaren gesellschaftlichen Mehrwert hatte. Einmal automatisierte Prozesse können auch nicht zurückgenommen werden. Sie können nur angehalten und korrigiert werden. Aber die Zivilisation ist als Begriff mit einer linearen Vorstellung verbunden. Die Aufklärung ist ein Prozess, der sich und den Menschen auszuhöhlen droht. Die Moderne spürt das. Die Medien spüren das. Alle setzen auf ein Anti-Programm, das Fragen vermeidet.

Maschinen sagen dem Mensch nämlich nicht, was er tun sollte und was nicht, was er tun darf und was nicht. In einer „Alles-ist-möglich-Welt“ werden diese Fragen immer überflüssiger. In einer Welt mit immer weniger Fragen und Fragenden wird der Mensch seiner überdrüssiger. Die Sinnkrise der Moderne besteht darin, dass sich jeder Einzelne inmitten kalter Automatisierungsprozesse kaum mehr im Leben spürt. Ich denke nicht mehr, also bin ich nicht mehr?

Asoziale Vorgänge und die Überflüssigkeit des Ersetzbaren

Kosten-Nutzen-Rechnungen kennen Menschen aus der Wirtschaft. Eine Maschine kann mit einem Schlag Hunderte von Arbeitsplätzen ersetzen. Menschen, die ersetzbar sind, müssen sich in solchen asozialen Fortschrittsprozessen überflüssig fühlen. Umso mehr schielen sie auf die besondere Bedeutung ihres Lebens hin und fragen sich umso mehr: Was kann ich denn, was andere nicht können? Sie spüren mit diesen Entwicklungen und Beschleunigungsprozessen einen erhöhten Leistungsdruck.

Wenn das soziale Leben aber so berechnet wird, ist der Mensch zum Faktor geworden. Eine Größe, die sich mit vielen Variablen unendlich multiplizieren kann. Unendlich? Was heißt das für den Menschen genau? Ich weiß, dass ich nichts weiß. Was der Moderne fehlt, ist die Demut dieses Satzes. Darüber lohnt es sich nachzudenken, denn Wissenschaften und vermeintliche Wissenssicherheiten spiegeln nur einen kleinen Teil der Realität wider.

Es liegt an uns, diesen Teil nicht unmenschlich größer werden zu lassen. Das größte Gut, das mit der Aufklärung für den Menschen entstanden ist, ist das, darüber gemeinsam nachdenken zu dürfen. Ich glaube nämlich zu wissen, dass die Entwicklung der beschleunigten Automatisierung dauerhaft für den Menschen von Nachteil sein wird. Weil es sein Denken überflüssig werden lässt.

 

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