KolumneEmilia ist gerade 24 Jahre alt geworden. Sie studiert im 6. Semester Erziehungswissenschaften. Sie ist, wenn alles klappt, in drei Monaten einfach Bachelor of Arts. 1-Fach-Bachelorstudiengänge eignen sich vordergründig für inhaltliche Vertiefungen, sind aber für viele junge Menschen schnell eine Sackgasse. Sie blicken bald in einen Theorieabgrund, der sich häufig mit der Praxis beißt. Studieren und orientieren wird so unmöglich.

Praktika werden hier schnell zur frustrierenden Lehrstunde, wenn es um krasse Unterschiede zwischen Theorie und Praxis geht. Zufrieden ist Emilia nicht. Sie weiß nicht, was sie danach machen soll.

Generation Y oder wie meistere ich die berufliche Zukunft?

Neulich hörte ich eine ältere Frau zu einer anderen in einem Café sagen, dass die jungen Menschen von heute doch alle Möglichkeiten hätten. „Für uns gab es doch nach dem Krieg damals nichts. Wir waren damals froh, wenn wir einen Mann hatten, der Arbeit hatte.“ Ja, wohl wahr. Ich hätte mich gern ins Gespräch eingemischt und gesagt: „Von Möglichkeiten allein kann man aber heute nicht wirklich leben.“

Der Soziologe Klaus Hurrelmann hat den Begriff Generation Y geprägt. Diese Generation der 15- bis 30-Jährigen ist mit dem Internet aufgewachsen, hat den 11. September 2001 erlebt, auch Fukushima, wird zudem von täglich schlechten Online-Nachrichten und YouTube-Videos erschlagen und geht die Zukunft taktisch an. Ich habe diese Generation hier mal pragmatisch genannt (Pragmatische Bildungsgenerationen). Die Generation Y erlebt die Unsicherheiten einer Zeit, in der alles im Fluss ist, nichts mehr als sicher gilt.

Sie haben von den Geschichten ihrer Vorgängergenerationen gehört, kennen ihre teils prekären Arbeitssituationen trotz einer guten akademischen Ausbildung und studieren oder arbeiten dennoch weiter, nur ein bisschen im Leerlauf. Sie möchten nicht zu viel Energie für etwas verbrauchen, was ohnehin nicht nachhaltig zu sein scheint. Studieren und orientieren eben. Unsere Gesellschaft hat leider keine Antwort auf die berechtigte Frage der Generation Y: Wie meistere ich die berufliche Zukunft?

Kreative Nischen – Ausweg oder Notausgang?

Wer in der Selbständigkeit seinen Ausweg aus dem Dilemma der Orientierungslosigkeit sucht, wird schnell feststellen, dass diese noch mehr Fragen aufwirft. Unsere Arbeitsgesellschaft ist eine Arbeitnehmergesellschaft, keine, die junge Menschen zu anderen Wegen ermutigt. Deutschland ist kein Land der Selbständigkeit. Wir sind im Arbeitsleben Normen und Standards gewohnt, keine Querdenker. Das wird uns alle vermutlich noch einmal bitter einholen, wenn unsere Zukunft mit dem demografischen Wandel schon bald kreativere Lösungen braucht.

Viele empfinden die Selbständigkeit als Notausgang, womöglich auch als Überbrückung einer für sie schwierigen Phase. Auf dieser Brücke stehen viele, die hoffen. Sie schauen rüber zur Arbeitnehmerseite, die immerhin noch vom Arbeitgeber ihre Urlaubstage bezahlt bekommen, während sie als Selbständige in diesen Tagen einfach Verdienstausfall beklagen. Sie stehen da lange auf der Brücke, und je länger sie da stehen, umso mehr fühlen sie, dass die andere Seite da drüben sie gar nicht mehr braucht. Alles ist eben im Fluss.

In die Leere laufen? Nein, danke!

Wer heute studiert, muss gleichzeitig unglaublich viel Kraft für die berufliche Orientierung aufwenden. Ich möchte den jungen Menschen von heute Mut zusprechen. Leerlauf kann auch bedeuten, in die Leere zu laufen, aber das muss nicht so sein, wenn junge Menschen die vorgegebenen Bedingungen nicht einfach wie eine Fertigpizza akzeptieren. Jedes soziale Engagement ist ein positives Signal. Jedes Ehrenamt ist in gewisser Weise eine Revolution von unten. Jede kreative und künstlerische Leistung ist in der Welt der Normen ein wohltuender Aufschrei gegen herkömmliche Standards. Engagiert euch! Werdet unberechenbar in der Welt der Zahl!

Das brauchen wir in unserer Demokratie, die ein früherer Bundespräsident auch mal Altenrepublik nannte und sich dafür massiven Anfeindungen ausgesetzt sah. Ich wünsche mir, dass Arbeitgeber die Zeichen der Zukunft erkennen, jungen Menschen in ihren Unternehmen mehr Wertschätzung entgegenbringen und ihnen kreative Freiräume zur Fortentwicklung der Unternehmenskultur lassen. Es bleibt uns keine Zeit dafür, die vermeintlich mangelnde Berufsreife von Bachelor-Absolventen zu beklagen. Ich wünsche mir, dass Schulen und Universitäten noch besser begreifen, dass sie als bildende Institutionen eine Verantwortung für die Ausbildung junger Menschen und unsere Zukunft tragen.

Es bleibt uns keine Zeit mehr für Selbstbeschäftigungsprozesse und individuelle Befindlichkeiten. Ich wünsche mir auch, dass junge Menschen noch stärker den Mut aufbringen, sich gegen geringschätzige sie abwertenden Abläufe des Arbeitslebens aufzulehnen und sich Gehör zu verschaffen bei denen, die scheinbar die Gestaltungsmacht in der Hand haben. Nachhaltigkeit und nachhaltiges Leben fängt beim Menschen an. Nirgendwo anders. In die Leere laufen wir alle, wenn wir nicht bald lernen, wieder generationsübergreifend zu denken. Wenn dieser zerstörerische Wettbewerb uns nicht vorher verheizt.

 

 

 

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