soziales_schuleDie Arbeitswelt ist digital. Griechisch und Latein waren gestern. Heute sind es Algorithmen und Logik, die unseren Alltag bestimmen. Logisch, dass der Branchenverband Bitcom die Forderung nach einem verpflichtenden Fach Informatik stellt. Wahrscheinlich, dass es in den kommenden Jahren als Pflichtfach eingeführt wird. Unwahrscheinlich, dass viele Schüler daran Freude haben werden. Unmöglich, dass Kommunikation durch solche Automatismen ersetzt werden kann. Reden müssen wir. Auch darüber.

Vertrauen in die Technik

Jeden Tag, wenn ich am Bahnhof stehe, sehe ich die Signale entlang der Gleise, die zeigen, ob ein Zug gleich kommt oder nicht. Jeden Tag, wenn ich ins Auto steige, stellt sich der Bordcomputer an und zeigt mir, welche Route ich am besten fahre und welche Kontrollen mal wieder nötig sind. Jeden Tag, wenn ich am Computer sitze, vertraue ich darauf, dass das System der Weltverbindung funktioniert.

Alles muss schnell und reibungslos gehen. Andernfalls beginnt der Tag schlecht. Wir vertrauen der Technik, wir vertrauen Automatismen. Uns vertrauen wir nicht mehr. „Lass das mal lieber den Fachmann machen!“, heißt es schnell bei jedem noch so kleinen Problem.

Keine Geduld für niemand

Durch unsere zunehmende Technikabhängigkeit aber sind mindestens genauso viele Gespräche notwendig. Häufig mit Call-Centern, die unseren Serviceanspruch bedienen, unsere Garantieansprüche weiterleiten. Wir warten als Kunden nicht gern und haben einen immer höheren Anspruch, der Schritt hält mit der perfekten Technik. Und auf der anderen Seite, die ja irgendwie die gleiche ist? Menschen an Hörern in Großraumbüros, die vor lauter Technik verlernt haben zu kommunizieren.

Aus Warteschlangen mit Blickkontakt sind Warteschleifen mit Ohrkontakt geworden. Fünf, sechs, manchmal auch zehn Minuten oder länger. Es ist dabei seltener geworden, dass man noch freundliche Stimmen am Telefon hört. Aber wir Kunden haben ja ein Ziel. Ein freundliches Gespräch ist nicht das Ziel. Wir wollen Erklärungen und Hilfe am Telefon und sind auch schon genervt.

Die deutsche Sprache und ihre Störung

Endlich legt eine Frau los. „Was kann ich für Sie tun?“ „Guten Tag. Meine Telefon- und Internetverbindung ist lahm gelegt. Ich habe keine Verbindung.“ „Ist alles connected?“ „Wie bitte?“ „Ob alles angeschlossen ist?“, raunzt sie genervt in den Hörer. „Ich kann Englisch. Ja, alles ist wie sonst connected.“ Danach eine unangekündigte Stille, weil alles connected ist. Plötzlich nach vielen Minuten: „Sind Sie noch da?“ Ich:„Ja, habe zwischenzeitlich zu Mittag gegessen.“ „Ich tue nur meine Arbeit.“ „Ich weiß. Und ich hatte nur Hunger bekommen.“ „Lustig. Also…Die Frequenzen der WLAN-Router haben beim Access Point für Clients in Ihrer Region mit dem High Speed oder der kompletten Connection ein Up-Date-Problem.“ Bei sieben Fremdwörtern in einem Satz bin ich dann raus, auch wenn ich alle verstehe.

Und jetzt der Sinn des Lateinunterrichts. Connection kommt von dem lateinischen coniunctio und heißt Verbindung. Frequenz kommt von frequentia und bedeutet zahlreicher Besuch oder Zudrang. Access kommt von….Und bevor Informatik für alle gefordert wird, sollte man noch einmal grundsätzlich über Sprache, Herkunft und Kommunikation nachdenken. Weil wir alle irgendwie connected sind.

VN:F [1.9.22_1171]
Diesen Artikel bewerten
Rating: 0.0/10 (0 votes cast)