Bild2Wer Bücher in den Händen hält, hat keine mehr für Waffen frei. Wer sich im Leben bildet, hält die Augen immer offen.

Umso erschütternder ist der Umstand, dass die Attentäter von Paris ihre Bildung frühzeitig abgebrochen, die Augen verschlossen und nichts als dunklen Hass empfunden haben, als sie am Abend des 13. November 2015 durch die Straßen von Paris zogen, in einer Konzerthalle und am Stadion wahllos unschuldige Menschen hinrichteten. Es hätte jeden von uns treffen können, jeden, und das ist die Angst und auch die Botschaft, die sie verbreitet haben und verbreiten wollten: Wir Hassenden sind überall. Der Hass ist überall.

Hass worauf? Hass auf die Menschen, die das Leben noch genießen können, die die Freiheit leben dürfen und noch eine Perspektive sehen. Wir Europäer sind schockiert. Wir Amerikaner sind schockiert. Wir Christen sind schockiert. Wir Muslime sind schockiert. Wir…ja, wir, die wir uns noch zu Menschen zählen.

Die Nachrichten, die immer untergehen

Der Papst spricht vom 3. Weltkrieg. Frankreichs Präsident Hollande erklärt, dass Frankreich sich im Krieg befindet. Der Anschlag hat unsere Wohnzimmer erreicht. Er hat uns aufgerüttelt, weil jeder von uns am Freitagabend im Stadion, in der Konzerthalle oder in einem Restaurant hätte sitzen können. Das Attentat von Beirut mit Dutzenden Toten einen Tag zuvor ist Archiv geworden wie die vielen anderen Nachrichten über Attentate geistig Verblendeter zuvor.

Wir müssen ja weiter leben, aber bei mir hat sich mittlerweile ein beklemmendes Gefühl eingeschlichen, das mir Angst macht. Empfinde ich mehr Empathie für das Schicksal von Menschen, die meinem Lebensstil nahe kommen? Bin ich betroffener, je mehr ich mich mit den Opfern identifizieren kann, je näher solche Anschläge zu mir vordringen? Die Antwort ist eindeutig: Ja. Und sie zeigt mir, dass ich nicht mehr mit offenen Augen durch das Leben gehe, sie schon längst vor den täglichen Todesnachrichten verschlossen habe. Weil alles so unerträglich geworden ist, ich und wir so hilflos sind.

Es sind diese Nachrichten, die immer untergehen. Ich teile sie nicht mehr, je ferner sie an Orten stattfinden. Nur: Auch da leben Menschen. Und morgen kommen sie zu uns, weil ihnen vor Ort keiner hilft, sie vor Ort keine Perspektive mehr haben.

Bodentruppen und Krieg gegen Krieg?

Ich habe mit Lamya Kaddor in Münster Islamwissenschaft studiert. Ich schätze sie als mutige, kluge und engagierte Frau. Sie ist 1978 in Ahlen geboren worden und hat syrische Familienwurzeln. Als sie am Samstagabend bei der Sendung „Hart aber fair“ die Meinung vertrat, dass man in Syrien Bodentruppen gegen die IS einsetzen müsse, um das Problem zu lösen, habe ich mich erschrocken. Ich habe zuvor noch via Facebook gepostet, dass im Wort Muslim das Wort Frieden steckt, ein gläubiger Muslim das nie vergisst. Ich habe in meinem Leben nur friedliche und hilfsbereite Muslime kennengelernt: Libanesen, Ägypter, Syrer, Tunesier und Marokkaner. Und kurze Zeit später fordert eine Muslimin im Fernsehen den Einsatz von Bodentruppen gegen die IS?

Ich bin Pazifist, habe nie an Lösungen von Kriegen mit gleichen Mitteln geglaubt und lehne jede Art von militärischer Gewalt aus Überzeugung ab. Auge um Auge, Zahn um Zahn? Das ist Altes Testament. Wer die Kraft der eigenen Wertekultur betont, wie das unsere Bundeskanzlerin Frau Angela Merkel am Samstagmorgen direkt nach den Anschlägen eindrucksvoll getan hat, der muss diese Freiheit nicht mit Waffen am Hindukusch verteidigen wollen. Und auch nicht in der syrischen oder irakischen Wüste.

Wer Mensch sein darf, wer nicht auf dieser Welt – das entscheiden wir alle

Zu den Nachrichten, die zu schnell untergehen, gehört, dass die UN aufgrund finanzieller Engpässe die Tagesration für humanitäre Hilfe pro Person im Jahr 2014 um 50% kürzen musste. Es ist kein Zufall, dass dieser Einschnitt eine Vielzahl von Flüchtlingen, die heute in Europa sind, veranlasst hat, den gefährlichen Weg übers Meer zu riskieren. Wer von uns hat die Nachricht im Juni 2014 vernommen? Wer von uns hat die Folgen daraus ablesen können? Selbst Lampedusa war lange Zeit weit weg, Griechenland und Italien allein mit dem Flüchtlingsstrom.

Ich sehe, dass wir alle die Augen verschließen vor den wirklich wichtigen Nachrichten. Die Gelder für das UN-Programm kommen von ihren Mitgliedern, also den Staaten. Viele Staaten sind ihren Zahlungsverpflichtungen bis heute nicht nachgekommen. Wer Mensch sein darf, wer nicht auf dieser Welt – das entscheiden wir auch alle.

Ich bin der festen Überzeugung, dass es nur einen Weg und eine Lösung in dieser einen Welt gibt. Für uns alle. Bildung. Wir müssen es schaffen, allen Menschen Angebote zu machen und dürfen sie nicht in städtischen Vororten oder anderswo ausgrenzen. Ich weiß, dass Anspruch und Wirklichkeit weit auseinanderklaffen. Aber ohne diesen Anspruch gibt es dauerhaft keine Friedensperspektive. Der Schmerz von Paris ist daher überall.

 

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