kinderBerufstätige kennen die Verfügbarkeitsmöglichkeiten der neuen Medien. Immer online, immer mobil, auch zu Hause. Viele Unternehmen haben sich dadurch klammheimlich in das private Leben vieler Familien reingemogelt und stecken nun in den Köpfen junger Frauen und Männer fest. Sie verlangen nach Feierabend noch eben ein Protokoll, eine Rückmeldung oder eine einfache Information und schreien wie ein Baby nach steter Aufmerksamkeit und ständiger Präsenz.

Zugleich verfügen immer mehr Frauen über einen qualifizierten Hochschulabschluss. In der Berufspraxis erleben unterdessen noch heute viele mit dem ersten Kind einen regelrechten Karrieresturz. In Deutschland fehlt es an weiblich geprägten Unternehmenskulturen und an der Weitsicht, dass ein intaktes Familienleben eine hervorragende Energiequelle für die Leistungseffizienz ihrer Mitarbeiter darstellt. Leider ist die Zuspitzung auf die Frage – Kind oder Karriere – geblieben, und sie hat auch mit wirtschaftlichen Beschleunigungsprozessen und der Angst vor Arbeitslosigkeit zu tun.

Vereinbarkeit von Familie und Beruf – Was Unternehmen unternehmen

frau-baby-laptopWer drei Jahre aus dem Beruf raus ist, bekommt Probleme und muss wie ein neuer Mitarbeiter in viele Prozesse eingearbeitet werden. Der Mutterschutz stellt für viele Unternehmen einen Kostenfaktor dar. Neulich wurde gar schon ein Mann nach seiner sechsmonatigen Elternzeit am ersten Arbeitstag gekündigt. Frauen werden bei Einstellungsgesprächen nach ihrer Familienplanung gefragt. Sie werden allein dadurch bereits diskriminiert. Wenn sie ehrlich antworten, dass sie sich ein Kind wünschen, werden sie über den wahren Ausschlussgrund ihrer erfolglosen Bewerbung natürlich nicht informiert.

Aber denken können sie sich ihn, und deswegen antworten Frauen zunehmend strategisch. Die Unternehmenskultur in großen, mittleren und kleinen Unternehmen ist männlich geprägt. Wie wenig Zukunft diese Denkweise von Unternehmen in sich trägt, wird sich in spätestens zehn Jahren zeigen. Was Unternehmen unternehmen, die sich dem Thema mit eigenen KiTa’s bereits gewidmet haben, reicht kaum aus. Die Platzkapazitäten reichen für den eigentlichen Bedarf häufig nicht aus. Vonnöten wäre eine ganzheitliche Lösung, die die Familienplanung in den Vordergrund einer zukünftigen Personalpolitik schiebt. Doch wie geht das in einem harten Wettbewerb? Es entsteht der Eindruck, dass der stete Wettbewerb und die ökonomischen Interessen eines Unternehmens mit den privaten Interessen strukturell kollidieren. Home-Office und flexible Rotationszeiten helfen kaum weiter.

Der Ruf nach dem Staat, für Unternehmen Anreize zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu schaffen, wurde gehört, kann aber auf Dauer nicht fruchten, wenn sich die Unternehmenskulturen nicht vollständig ändern. Spätestens, wenn der Fachkräftemangel zunehmen wird und die wenigen Arbeitnehmer auf dem Markt stärker nachgefragt werden, wird sich das Verhältnis umdrehen. Dann werden die Arbeitnehmer den Arbeitgeber nach seiner Familienfreundlichkeit beurteilen und sich das Unternehmen aussuchen, in dem sie ihre Vorstellungen vom privaten Leben am besten unterbringen können.

Ein offener Dialog mit den Mitarbeitern ist dringend notwendig

Unternehmensphilosophien auf Internetseiten sind wunderschön zu lesen. Wenn sie im Betriebsalltag nicht gelebt werden, sind sie Schall und Rauch. Viele junge Frauen und Männer wünschen sich, dass ein Kind keinen Karrieresturz und keinen Nachteil zur Folge hat. Aber die unklaren Signale aus der Wirtschaft vernehmen sie sehr bewusst. Unternehmen müssten daher viel offensiver mit diesem Thema an die Belegschaft herantreten.

Da das Thema alle angeht, wäre eine grundlegende paritätische Finanzierungslösung von familienfreundlichen Betreuungsmaßnahmen ein Weg aus dem Dilemma. Das Sozialversicherungssystem hat sich schließlich auch über die letzten Jahrzehnte bewährt. Das muss es einer Gesellschaft wert sein. Aber die Unternehmen sind in der Pflicht, hier offene Dialoge anzustoßen. Wenn das nicht bald geschieht, werden die nächsten Generationen das Thema schon aus Angst vor der eigenen Zukunft aussparen.

 

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