Bild2Vor wenigen Tagen habe ich in das Erdkunde-Buch eines Schülers geschaut, während der Arme einen Latein-Text von Ovid in einer Probeklausur ins Deutsche zu übersetzen hatte. Im Buch wurde das Phänomen der Desertifikation am Beispiel der Sahel-Zone ausführlich erklärt. Da stand etwas von salzigen Böden, von Erosionen, von der Unmöglichkeit, den vertrockneten Boden bei der fortschreitenden Klimaerwärmung wieder fruchtbar zu machen.

Zur gleichen Zeit, nämlich am Sonntag, werden viele Redenschreiber an Erklärungstexten für ihre Chefs gearbeitet, diese Obama, Merkel oder Hollande vorgelegt und ein kurzes Nicken erhalten haben. Klima in Paris – das ist wirklich der Gipfel der Schlecht-Wetter-Redner. Eigentlich sollte der reguläre Schulunterricht weltweit für zwei Wochen unterbrochen, die Verhandlungen öffentlich im Fernsehen übertragen werden, damit die, die es besonders angeht, live mitbekommen, wie häufig das Wort nachhaltig fällt, wie wenig der Begriff Nachhaltigkeit ihre politischen Interessenvertreter interessiert und dass in zwei Jahren auf dem nächsten Klimagipfel die gleichen Reden gehalten werden.

Keine Exit-Strategien für die Zukunft

Politische Interessenvertreter haben Jetzt-Interessen. Morgen regieren sie nicht mehr. Übermorgen sind sie verstorben. Die Zeitachse für die Schüler sieht anders aus. Für das Klima sowieso. Naturkatastrophen gab es immer, sagen die Skeptiker, die mit dem Thema Klima ein Geschäft mit der Angst verbinden. Das mag sein. Aber spätestens, wenn sich in Schleswig-Holstein der Weinanbau lohnt, saftige Trauben auf hohen Dünen an der Ostsee den Strandurlaubern zuwinken, werden vielleicht auch die letzten merken, dass sich etwas verändert hat.

Die Klimakonferenz samt ihrer wissenschaftlichen Unterhändler, die in Hinterzimmern bei Kaviar wieder um Gradzahlen bis zur fünften Stelle hinter dem Komma feilschen werden, hat keinen nachhaltigen Wert im Blick, keine nachhaltige Veränderung. Kopenhagen war eine Katastrophe. Keines der maßgeblichen Industrieländer sah und sieht sich in der Lage, einen wirklich Ausweg zu formulieren. VW und die CO2-Lügen waren ein kurzes Märchen. Was soll man denn machen, wenn man mit weniger Geld verdienen soll und kein Geld verdienen kann?

Bei Angeboten ist die Wirtschaft kreativ

Auf dem Verschiebebahnhof des Welthandels wurden die ökologisch kritischen Waren wie Textilien in der Produktion outgesourct, weil die sozialen und ökologischen Produktionsbedingungen in Bangladesch hierzulande kaum jemanden interessieren. Die, die gerne Markenklamotten tragen, werden mit Angeboten und Ansprüchen einer Welt bombardiert und merken durch die feinsinnige Werbung nicht, dass man in der einen Welt auch in Schönheit sterben kann.

Die Verantwortung für den einen Planeten ist nämlich auch längst outgesourct worden. Es sind immer die anderen die Klimasünder. Hinterher aufzurechnen, wer wie viel Anteil am Klimawandel trägt, fällt schwer und ist vielleicht in der heutigen wirtschaftlichen Vernetzung unmöglich oder zumindest immer ungerecht. Eines jedenfalls ist sicher: Viele Angebote der Wirtschaft sind vor dem Hintergrund der zunehmenden Klimaerwärmung vergiftet. Weil aber die Welt ohne Wirtschaft auch nicht funktioniert, sind wir gerade in einem riesigen Schlamassel.

Erdkunde sollte die Nachfrage bestimmen

Die Kunde von der Erde sollte unsere Nachfrage zukünftig stärker bestimmen. Und deshalb sind die Nachfrager von morgen am politischen Entscheidungsprozess stärker zu beteiligen. Dafür ist Bildung und Wissen notwendig. Laut Greenpeace gibt es rund 880 000 frei verfügbare Unterrichtsmaterialien zum Thema im Internet. Die meisten davon stammen jedoch aus der Wirtschaft und haben einen Werbecharakter.

Sichtbar und spürbar für alle sind jedoch die langen Trockenperioden in Kalifornien, der Wassermangel in Afrika, die Desertifikation bis hin zum Süden Europas. Wir haben vielleicht nicht mehr das instinktive Gespür von Naturvölkern für bevorstehende Wetterkapriolen. Wir können am Verhalten der Tiere heute vielleicht nicht mehr erkennen, ob ein Erdbeben oder eine große Flut bevorsteht. Aber wir haben mittlerweile genügend Fakten und sichtbare Ereignisse, die klare Warnsignale sind. Die Klimakonferenz in Paris ist nur ein Rahmen. Der politische Anschauungsunterricht findet jeden Tag in unserem eigenen kleinen Leben statt.

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