KolumneEs ist wieder so weit. Die Zeit der Schulempfehlungen naht in Deutschlands Grundschulen, Eltern besuchen Infoveranstaltungen und auch nach Ende der Sekundarstufe 1 müssen die Erziehungsberechtigten hier und da bald entscheiden, wie es weitergehen soll mit ihrem Kind.

Die Abiturienten oder G8-Reformschüler haben derweil den Endspurt eingelegt, während Studenten des Bologna-Prozesses mittlerweile jeden Sinn für solche Bildungsabschnitte verloren haben. Die Stofffülle und der stete Prüfungsmarathon lässt sie zunehmend abstumpfen. Wenn ich mir den Kalender von Schülern und Studenten heute ansehe, wird mir bewusst, dass ihr Arbeitstag länger ist als der eines Berufstätigen. Geht der demografische Wandel schon jetzt auf Kosten der jüngeren Generation?

Ablenkung Internet und Komasaufen

Wir sprechen mittlerweile über eine Generation Maus oder Generation Klick, die völlig selbstverständlich mit dem Internet aufgewachsen ist. Und es ist unbestritten, dass die intensive Nutzung des Internets schwerwiegende Folgen auf das Lernverhalten und auf die Konzentration haben kann. Junge Menschen springen innerhalb weniger Sekunden von Bild zu Bild, von Thema zu Thema, können im Web frei entscheiden, welche Inhalte sie interessieren. Wie will man sie da noch mit Buchlektüren und längeren Sachtexten ködern? Wie will man bei diesem „Themenhopping“ im Unterricht ihre Konzentration aufrechterhalten? Und dann erfahren wir Älteren in den Medien auch noch, dass das Komasaufen zunimmt. Wir rümpfen die Nase und sprechen schnell von einer Generation, die es verlernt, etwas nachhaltig aufzunehmen.

Ja, das stimmt. Aber es stimmt auch nicht. Denn wer jungen Menschen Angebote außerhalb des Internets schmackhaft macht, sie an Lernprogrammen interaktiv beteiligt, stellt fest, wie schnell sie dabei sind, wie schnell sie noch immer Feuer fangen können. Wer ihnen aber ständig Prüfungen vorhält und ihnen mit der Angst Leistungsdruck bereitet, dass er oder sie später ohne einen guten Abschluss keine Chance im Leben habe, der sorgt ganz unfreiwillig dafür, dass sie sich aus Selbstschutz ins Internetleben zurückziehen und sich in dieser Matrix manchmal auch verlieren.

Der demografische Wandel bedeutet große Verantwortung für die kommenden Generationen

Wenn Deutschland immer weniger Kinder bekommt, müssen die wenigen eben die Produktivität des Landes deutlich steigern. Das ist eine einfache ökonomische These. Vor diesem Hintergrund haben kluge Ökonomen ja auch die G8-Reformen sowie die Bologna-Reformen angestoßen. Bei beiden Reformprozessen ging es um den Faktor Zeit. Das Abitur nach dem 13. Schuljahr war vielen ein Dorn im Auge, die langen Studienzeiten auch. In der Bildungsökonomie ist die schnelle Heranführung junger Menschen an den Arbeitsmarkt ein wesentlicher Bestandteil einer Theorie, die die weitere Theorienbildung des Masters zugunsten des praxis- und grundlagenorientierten Bachelors ablehnt.

Im Grunde genommen geht es allein darum, den späten Eintritt junger Menschen ins Arbeitsleben zu stoppen, weil unser Rentensystem mit diesem vor Jahren schon sichtbar gewordenen Akademisierungstrend zusammenbrechen würde. Es mag auch sein, dass so mancher Masterstudiengang für die spätere berufliche Praxis völlig unerheblich ist. Allein sagen sollte man es den jungen Menschen ehrlich, warum man ihnen G 8, Bachelor und Master vorgesetzt hat. Um sie schnellstmöglich europaweit als Arbeitskräfte nutzen zu können. Und man sollte ihnen auch noch sagen, dass in diesem Modell für ihre Kinder dann zukünftig keine Zeit mehr sein wird. Die Entwicklung, dass Akademiker aufgrund eines zu späten Berufseintritts keine Kinder mehr bekommen, wird somit mittelfristig abgelöst von der Entwicklung, dass Akademiker aufgrund eines zu frühen Berufseintritts keine Kinder mehr bekommen dürfen. Das Ergebnis bleibt gleich. Leider.

Und so werden Leistungsdruck und Prüfungsangst von älteren Generationen immer mehr auf Kinder und Jugendliche übertragen. Das ist keine gute Entwicklung. Da hilft es auch nicht, von einer Generation Wohlstand zu sprechen, so sehr das vielleicht auf einige zutrifft. Wir sollten nämlich nicht vergessen, dass Kinder und Jugendliche nur die Welt sehen, die wir ihnen vorleben. Die scheint auch nicht ganz viel besser zu sein.

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