Bild2Die Globalisierung hat längst in unserem Alltag Platz genommen. Wir nehmen Lebensmittel, Musik oder Technologien aus allen Ländern der Welt ein und auf, schicken als Exportweltmeister ebenfalls unsere Ideen und Produkte in die Welt. Die Vernetzung der Welt ist durch neue Kommunikationsmedien noch einmal dichter geworden.

Die zweite Seite 

Wenn aber Menschen aus anderen Ländern bei uns Platz nehmen möchten, sind sie uns schnell zu nahe und zu bedrohlich. Wir kennen ihre Sprache, Geschichte und Kultur nicht und beantworten ihre Ankunft recht schnell mit einem deutschen Formalismus, der auch Bürokratie genannt wird. Für Migranten beginnt ein langwieriges Prozedere der Statusprüfung, das auch in anderen Ländern Europas zunehmend als Mittel der Abschreckung dient und der natürliche Reflex von Inselbewohnern des Wohlstands ist.

Migration wird immer zunächst von ihrer problematischen Seite betrachtet. Ist es nicht merkwürdig, dass wir auf der einen Seite den globalen Freihandel begrüßen, Waren möglichst zollfrei auf Märkten darbieten wollen, auf der anderen Seite aber Menschen aus anderen Ländern mit komplizierten, politischen Restriktionen begegnen, wenn sie sich bei uns dauerhaft niederlassen wollen?

Angst vor Überfremdung und die einsamen Aussichten der Besitzstandswahrer

Zunächst einmal sind Migranten Menschen, die in ihrer freien Selbstbestimmung ein für uns natürliches und selbstverständliches Grundrecht ausüben und ihre persönlichen Chancen jenseits der Heimat höher einschätzen. Das alleine reicht vielen noch nicht für die mutige Entscheidung, in ein anderes Land zu gehen. Die Lebensbedingungen der Heimat schätzen sie häufig als langfristig kritisch ein. Die wenigsten entscheiden sich spontan für einen solchen Lebensschritt. Man möge sich einmal vorstellen, dass Deutschland in zwanzig Jahren zu einer reinen Altenrepublik wird, weil die wenigen jungen Menschen das gute Studium im Heimatland und die neue Mobilität dazu genutzt haben, massenhaft ins Ausland abzuwandern.

Das ist noch nicht einmal eine Utopie, sondern könnte genauso eintreten, wenn junge Menschen hier in Deutschland langfristig ihre Chancen nicht mehr sehen. Dann wären die kommenden alten Generationen froh um so manche Pflegekraft aus dem Ausland, ganz gleich welche Herkunft sie oder er hätte. Im Alter hat Zeit und Zuwendung noch eine ganz andere Bedeutung. Das ist keine gute Vorstellung für die Besitzstandswahrer hier, die gerade im Alter auf ihre Würde und Selbstbestimmung pochen.

Migranten brauchen Zuspruch und keine Problematisierung

Unsere Welt des Wettbewerbs ist nicht fair, und wir in Deutschland nehmen das billig in Kauf, weil man nirgendwo anders so billig Lebensmittel einkaufen kann. Aber sie ist es nicht einmal, wenn es um Bildung geht. Vor kurzer Zeit wurden in der Südddeutschen Zeitung zwei Bücher zur sozialen Gerechtigkeit vorgestellt, die beide unabhängig voneinander zeigen, dass in Deutschland die Bildungschancen der Kinder fast ausschließlich von ihrer Herkunft abhängen. (Quelle: SZ).

Ins gleiche Horn stoßen alle Jahr wieder die PISA-Studien. Schlechte Karten also für Menschen aus dem Ausland, sich in Deutschland hochzuarbeiten. Wir haben diesen amerikanischen Traum nie mit Leben ausgefüllt und tun das jetzt wohl erst recht nicht mehr, weil dieser Traum gerade bereits im Herkunftsland Amerika zerplatzt ist. Wer in ein neues Land kommt, hat schon genug Probleme und Herausforderungen zu bewältigen. Diese Menschen brauchen erst einmal Vertrauen, Zuspruch und Wertschätzung.

Vielleicht sollten wir alle einmal jährlich eine Woche lang ein Pflichtpraktikum in Deutschlands Altenheimen absolvieren, um besser zu verstehen, wie es ist, wenn Menschen körperlich oder geistig nicht mehr in der Verfassung sind, von ihrem Selbstbestimmungsrecht Gebrauch machen zu können. Vielleicht würden wir dann besser verstehen, dass Menschen ohne Sprachkenntnisse in einer ganz ähnlichen hilflosen Situation sind. Nur haben sie meist noch ein langes Leben vor sich, kann man ihnen aktiv und einfach mit der Sprache helfen.

Willkommenskultur und Bildungsangebote

Wenn wir Migranten ihren häufig prekären und unverschuldeten Situationen helfen, hier Fuß zu fassen, werden wir alle zukünftig mehr als die einsamen Menschen haben, die im Alter fünf Häuser zu vererben haben, aber keine Familie mehr hinterlassen. Es gilt nämlich auch hier der kluge Spruch: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus!

Eine Willkommenskultur beginnt mit der Einstellung einer Gesellschaft, anderen eine Perspektive bieten zu wollen. Je mehr Bildungsangebote auf die doch erst einmal speziellen Bedürfnisse der Migranten zugeschnitten werden, je durchlässiger unsere Gesellschaft im weiteren Verlauf wird, desto nachhaltiger wird der Wert sein, den diese Bürger uns dann zurückgeben. Migration ist eine Chance für alle – und nichts anderes!

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