Bild2Angus Deaton hat soeben den Wirtschaftsnobelpreis bekommen. Es ist schon eine Besonderheit, dass ein Glücksforscher diesen Preis verliehen bekommen hat, weil damit volkswirtschaftliche Perspektiven im mitunter zu eng gewordenen Betrachtungswinkel der Ökonomen wieder stärker in den Fokus gerückt werden.

In der modernen Ökonomie hatte man in den letzten Jahrzehnten den Eindruck gewonnen, dass sich die Finanzmathematiker im Zahlenkäfig ihre Theorien selbst erklären, während die Menschen gleich Zoobesuchern staunend und still davor stehen und die Dinge unkritisch akzeptieren. Und dennoch schleicht sich bei mir ein Unbehagen ein. Deaton hat den Preis für sein Gesamtwerk erhalten.

Der Begriff Glück ist ein Superlativ

Das Nachdenken über Sprache und Begriffe kann unglücklich machen, wenn man ständig nach Superlativen im Leben sucht. Der Begriff Glück ist ein Superlativ. Glücksforscher suchen nach dem Superlativ. Macht es sie glücklich? Deaton meint herausgefunden zu haben, dass ein Jahreseinkommen von 60 000 Euro Menschen glücklich macht. Das sind statistische Mittelwerte, also keine absoluten Werte. Mehr braucht man nicht zum Glück. Ich frage mich konkret: Wer verdient das heute? Und: Können Menschen auch glücklich sein, die wesentlich weniger verdienen?

In einem seiner Modelle hat der Wissenschaftler herausgestellt, welchen Einfluss das Alter auf das Glück hat. Er ist zu dem Ergebnis gekommen, dass das Glücksempfinden einer U-Kurve folgt. Bis zum 30. Lebensjahr sind die Menschen zufrieden, dann folgt die Midlife-Crisis, bevor sich mit 60 wieder ein verstärktes Gefühl der Zufriedenheit einstellt. Auch diese Untersuchungen fußen auf Mittelwerte. Alle Ergebnisse folgen aber prinzipiell einer Grundannahme, der schon so viele Finanzmathematiker und Betriebswirtschaftler folgen: Menschen, ihr Verhalten und ihre Gefühle sind berechenbar und statistisch auswertbar. Anders funktioniert Wissenschaft eben nicht mehr.

Paare mit Kindern sind glücklicher

Richtig interessant wird es, wenn Deaton Eltern mit Kindern mehr Lebenszufriedenheit bescheinigt als kinderlosen Lebensgemeinschaften, weil sie ein höheres Einkommen als Kinderlose und einen stärkeren Gottesglauben hätten. Mir scheint, dass hier eher ein amerikanischer Wunschtraum als eine wissenschaftlich seriöse Untersuchung zum Ergebnis geführt hat. Der Glaube steht wie so häufig am Ende einer wissenschaftlichen Untersuchung, und wir können Deatons Studien und Ergebnissen folgen, wir können an sie glauben, aber wir können es auch sein lassen.

Glück und Zufriedenheit

Glücksforscher suchen nach den Ursachen des Glücks, und die synonyme Verwendung des Begriffs Zufriedenheit zeigt, dass sich Momentzustände und Grundgefühle schnell zusammentun, wo sie doch eigentlich etwas grundsätzlich anderes meinen. Ich sollte nicht die Frage stellen, ob es den Wissenschaftler Deaton nun glücklich oder zufrieden macht, den Nobelpreis für sein Lebenswerk erhalten zu haben. Vielleicht ist das kritische Nachdenken über Sprache, Bildung und über die Wissenschaften mein Problem. So bin ich „leider“ ausgebildet worden.

 

 

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