buchEs ist kaum mehr zu übersehen und mehr als ein Trend. Hochschulen und Fachhochschulen bieten immer mehr Seminare online an. Das spart Kosten und Wege und kann enorm effizient sein, weil Inhalte für jeden abrufbar bleiben. Dozenten und Studenten tauschen sich im Home-Office über Plattformen und Chat-Rooms aus, bleiben interaktiv im Diskurs miteinander verbunden, ohne sich einmal begegnen zu müssen.

Ganz sicher sind Online-Seminare ein guter Beitrag und eine gute Lösung für die Flexibilisierung der Studien- und Arbeitszeiten. Blended Learning via Moodle oder anderen Plattformen ist in und aus dem Uni-Alltag nicht mehr wegzudenken. Aber ist das eine gute Entwicklung?

Ersatzleistung oder vertiefende Ergänzung?

Als sich digitale Lernplattformen zu Beginn des neuen Jahrtausends an Universitäten etablierten, sprach man von vertiefenden Ergänzungsangeboten für die Studenten. Überfüllte Hörsäle, Platzmangel und Koordinierungsprobleme herrschten fast überall und machten das Präsenzstudium in Deutschland mitunter zu einem Graus. Da kam diese Alternative als ergänzendes Vertiefungsangebot gerade recht.

Heute, das muss man deutlich feststellen, sind in nahezu allen Fachbereichen Online-Seminare Alltag und ersetzen gar Präsenzseminare. Das mag für bestimmte, praxisorientierte Fachrichtungen sinnig sein. Ich sehe jedoch die Gefahr, dass Universitäten und Fachhochschulen bei einem Übergewicht von Online-Angeboten ein elementares Differenzierungsmerkmal zu den Fernuniversitäten verlieren werden. Es macht einen Unterschied, ob die Plattform im Seminar erarbeitete Inhalte ergänzen und vertiefen soll oder ob sie aus Kostengründen Präsenzseminare ganz ersetzen soll.

Herausforderungen für die Qualität der Lehre

Es dürfte jedem einleuchten, dass sich bestimmte Seminare und Fachrichtungen für die digitale Lehre nicht eignen. Praktische Versuchsreihen beispielsweise online durchzuführen – das ist selten möglich und machte auch keinen Sinn. Wenn die Lehre eng mit Anschauungsunterricht verbunden ist, sind die Grenzen digitalen Unterrichts schnell aufgezeigt.

Die Qualität der Lehre im Seminar lässt sich jedoch mit digitalen Lernplattformen hervorragend ergänzen. Angestoßene Projekte, die im Seminarfahrplan aus Zeitgründen vorzeitig abgebrochen werden müssten, lassen sich hier aufgrund der Zeit- und Ortsunabhängigkeit prima weiterverfolgen. Die Herausforderung für die Qualität der Lehre besteht für die Hochschulen darin, die Open Access-Software fachspezifisch anzupassen und genau zu schauen, wo ihr Einsatz Sinn macht. Unterschätzt wird nämlich schnell, wie umfangreich und beträchtlich der Aufwand von E-Learning-Plattformen ist.

Wir studieren zu Hause

Es mag sein, dass ich ein wenig konservativ bin, aber ich befürchte wirklich, dass mit der Digitalisierung des Studiums die gute Seele des Studiums dauerhaft verlorengehen könnte. Neben den sozialen Kompetenzen, die sich digital nicht erlernen lassen, glaube ich immer noch an die Lernbedeutung des Präsenzunterrichts.

Die Qualität der Lehre ist hier eng mit der Präsenz und den Kompetenzen des Dozenten verbunden. Wir studieren zu Hause – das ist für mich kein Studienalltag, weil die aktiven Beiträge der Studierenden im Präsenzunterricht ganz anders aufgegriffen werden können als online.

Ich sehe die Vorteile, ich sehe den Sinn solcher Angebote, aber ich sehe auch die möglichen Fehlentwicklungen, die sich mit einem ausschließlich digitalen Studium ergeben. Die Hochschulpräsidenten in Deutschland sollten jedenfalls eine aktivere Debatte darüber beginnen, welche Qualitätsanforderungen an Online-Seminare in Fachbereichen zu stellen sind. Kosteneffizienz hat eben nicht unmittelbar etwas mit Qualität in der Lehre zu tun.

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